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"Immer dieser Ärger in der Jura-Bib!"

Von versteckten Büchern, Schwärzungen und der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten...


verfasst von Sebastian M. Klingenberg und veröffentlicht am 18.10.2017

 

Juristen haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, sei es bezüglich ihres Aussehens oder auch wegen ihres Verhaltens. Eines dieser Klischees entspringt dem Vorwurf,

Juristen seien egozentrisch und karrierebesessen ;).

Es heißt, dass bereits die jüngsten Jurastudierenden wegen des vermeintlichen Konkurrenzkampfes Bücher in der Jura-Bibliothek verstecken, wenn nicht sogar klauen, oder wichtige Textpassagen schwärzen beziehungsweise die jeweilige Seite aus dem Buch herausreißen. Doch wie sieht die Realität an den deutschen Universitäten aus?

 

Die Situation in den deutschen Jura-Bibliotheken - Zum Teil verheerend!

Die Studierenden der Rechtswissenschaft, die Professoren, die Bibliothekare und die Verantwortlichen der Universitäten klagen gleichermaßen über die Situation in den universitätseigenen Bibliotheken.

Einzelne Textpassagen werden durch Schwärzen manipuliert, wenn nicht direkt die gesamte Seite aus dem Buch herausgerissen wird. Bücher werden trotz Ende der Leihfrist nicht zurückgegeben, geklaut, versteckt oder gar komplett zerstört.

Ein besonders grotesker Fall der Zerstörung ereignete sich, als eine Studentin Käsescheiben in den Büchern vorgefunden hat, die dazu dienten, die jeweiligen Seiten verrotten zu lassen, sodass der Inhalt unlesbar wird. Dies ist nicht nur besonders widerlich, sondern der daraus entstehende Schimmel ist auch gesundheitsgefährdend.

Aber auch mit Blick auf das Verstecken von Büchern entfalten die Studenten zum Teil einiges an Kreativität. So werden hin und wieder, manchmal sogar erst Jahre später beim Umgestalten der Bibliothek, juristische Bücher in ganz anderen Fachbereichen beziehungsweise in anderen Räumen oder Stockwerken gefunden. In anderen Fällen werden die Bücher sogar hinter Heizungen geklemmt, zum Teil auch in Zeitung eingewickelt, um die Aufmerksamkeit noch weiter davon abzulenken, sollte eine „Zeitung“ einmal gefunden werden.

Diese durchaus ärgerliche Angelegenheit ist jedoch kein Problem des 21. Jahrhunderts, sondern lässt sich sogar bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits damals klagte ein englischer Priester, Richard de Bury, in seinem Buch „Philobiblon – oder: über die Liebe zu den Büchern“ über ähnliche Zustände.

 

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Doch wieso greifen die heutigen Jurastudenten überhaupt zu solche "miesen" Mitteln?

Insbesondere im Grundstudium, aber auch im Rahmen der sogenannten Großen Übungen, ist es häufig so, dass 200 bis 300 Studenten gleichzeitig die gleiche Hausarbeit bearbeiten oder sich zeitgleich auf eine Klausur vorbereiten müssen. In der Examensvorbereitung sind es vergleichsweise weniger Studenten, der Drang nach den Büchern ist dann aber besonders groß.

Naturgemäß sind die Universitätsbibliotheken beziehungsweise Fachbereichsbibliotheken für diesen Bedarf nicht ausreichend ausgestattet, viele Bücher sind nur in wenigen Exemplaren vorhanden, wenn es überhaupt mehrere Exemplare gibt. Allein deshalb scheint die notwendige Literatur kaum erreichbar zu sein.

Das Notensystem in der Rechtswissenschaft hat jedoch gleichermaßen einen großen, wenngleich auch traurigen, Anteil an der Unerreichbarkeit der Literatur. Für Hausarbeiten kann die Darstellung eines besonderen Meinungsstreits, der nur in einer Zeitschrift zu finden ist, besonders für die Benotung in der oberen Hälfte wichtig sein. Für Klausuren, seien es normale Studienklausuren oder auch Examensklausuren, lässt es sich hingegen besonders gut mit ausführlichen und verständlich geschriebenen Klausurfallbüchern lernen.

Jeder möchte deshalb der Erste und Einzige sein, der eine bestimmte Information oder Quelle findet, einen besonders detaillierten Fall löst und ähnliches. Der Konkurrenzkampf nimmt deshalb diese grotesken Züge an. Anstatt mit dem eigenen Können und Wissen zu glänzen, wird vielmehr den anderen Studenten die Möglichkeit genommen, dieselben Hilfsmittel für die Hausarbeit beziehungsweise Klausurvorbereitung zu verwenden.

Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass dieses Verhalten selbstverständlich nur auf einen geringen Teil der Studierenden zutrifft. Der Hauptgrund für den Zerfall von Büchern stellt vielmehr die ständige Benutzung beziehungsweise eine allgemeine „Altersschwäche“ dar. Das Problem des nicht ordnungsgemäßen Umgangs mit den Büchern macht sich also vor allem deshalb bemerkbar, weil die Bücher an sich häufig nicht mehr im besten Zustand und die Bibliotheken darüber hinaus nicht ausreichend ausgestattet sind.

 

Wie wollen die Bibliotheken diese Situation in den Griff bekommen?

Die wohl nächstliegende Lösung wäre das Anbringen von Überwachungskameras in den Bibliotheken. Die praktische Umsetzung wird in der Regel aber neben Persönlichkeits- und Datenschutz daran scheitern, dass eine Vielzahl von Kameras benötigt würde. Die Universitäten haben regelmäßig kaum ein Budget, um die Anschaffung kombiniert mit den Instandhaltungskosten finanzieren zu können.

Die vorhandenen Lösungsansätze einiger Bibliotheken beziehungsweise Fakultäten sind teilweise ähnlich einfallsreich wie die Ideen der Studenten hinsichtlich des Versteckens, Beschädigens und Zerstörens. So wird zumindest an einer Universitätsbibliothek die gesamte Literatur mit einem rund 15 Zentimeter langen und drei Millimeter schmalen Metallfaden gesichert, der nahezu unsichtbar in jedem Buch klebt. Wer mit einem solch gesicherten Buch an der Schranke am Ausgang vorbei geht, löst einen Alarm aus. Dieses System klingt zunächst vielleicht vielversprechend, leidet aber unter mehreren Schwächen. Zum einen bleibt es dann wirkungslos, wenn die Seite mit dem Metallfaden zuvor rausgerissen wird. Zum anderen schützt dieses System nur vor dem Diebstahl, nicht aber der Sachbeschädigung oder vor einem Verstecken des Buchs.

Eine vielversprechendere Lösung stellt hingegen die Digitalisierung der Bücher dar, sei es als E-Books oder beispielsweise mit einem von der Fakultät oder vom Fachbereich angebotenen Beck-Online-Zugang.

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Auch diese Variante ist allerdings nicht hundertprozentig erfolgreich, da niemals gewährleistet werden kann, dass alle für Hausarbeit beziehungsweise Klausur benötigten Fundstellen in digitaler Form vorliegen.

Einige Universitätsbibliotheken setzen (auch zusätzlich) auf das sogenannte „RFID“-Etikett mit dem per Scanner erkannt werden kann, ob ein Werk falsch steht oder nicht. Dieser Mehraufwand hat immerhin den Vorteil, dass versteckte Bücher in aller Regel wieder schnell zurück zu ihrem Platz gebracht werden können.

Mit der zunehmenden Digitalisierung nimmt das Problem jedoch sowieso langsam ab – zum Glück. Denn andere Sicherungsmaßnahmen sind zwar an einigen Universitäten in Verwendung, leiden jedoch an verschiedenen Schwächen.

 

Die angehenden Volljuristen müssen heute, wie auch vor mehreren hundert Jahren schon, mit dem Bücher-Ärger in den Bibliotheken zurechtkommen. Nach wie vor kommt es nämlich vor, dass besonders beliebte oder für eine Hausarbeit wichtige Bücher versteckt, hin und wieder sogar geklaut werden. Auch Schwärzungen der relevanten Passagen oder herausgerissene Seiten kommen vor.  Trotz all des Ärgers bleibt festzustellen, dass die meisten Studenten sich zu benehmen wissen und es nur ein paar schwarze Schafe gibt, die sich derart vom Konkurrenzkampf ergreifen lassen, dass sie zu solchen verwerflichen Methoden greifen.

 

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Über den Autor

Sebastian M. Klingenberg

Promotionsstudent an der JGU Mainz (Jugend-/Strafrecht & Kriminologie) und Rechtsreferendar am LG Wiesbaden. Nebenbei schreibt er freiberuflich diverse Artikel, die auch auf seinem Blog zu finden sind.

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