Verfasst von Maryam Kamil Abdulsalam. 

Promotion nach dem 1. Examen: Ein Für und Wider

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Jura Promotion?

Nur die Creme de la Crema darf oder muss sich über diese Frage Gedanken machen: „Soll ich gleich nach dem ersten Examen promovieren oder doch lieber nach dem Referendariat?“. Grundsätzlich sieht die Promotionsordnung an den meisten Universitäten vor, dass ein Vollbefriedigend, in Juristenkreisen auch als VB bekannt, notwendige Bedingung für eine Promotion ist (Ausnahmen über eine besonders ausgezeichnete Seminarnote oder die Fürsprache eines Professors sind aber auch denkbar). Nur etwa 16% der Prüflinge erreichen die Notenschwelle von 9 Punkten oder besser. Und nur ein Bruchteil davon spielt dann auch noch mit dem Gedanken, weitere Jahre mit einer Promotion an der Universität zu verbringen. Doch von diesem Bruchteil des Bruchteils fragen sich so gut wie alle, wann der richtige Zeitpunkt für die Doktorarbeit gekommen ist. Pauschal lässt sich diese Frage natürlich nicht beantworten. Ein sehr ausführliches Für und Wider einer Promotion nach dem 1. Examen ist jedoch schon möglich:

 

Pro: Finanzierung 

Größtes Promotionshindernis ist die Finanzierung. Die einzigen Möglichkeiten sind entweder eine Wissenschaftliche Mitarbeiterstelle an der Universität zu ergattern, im besten Fall natürlich bei dem eigenen Doktorvater, oder ein Promotionsstipendium. Beides sind Raritäten und heiß umkämpft.

 

Wer nach dem 1. Examen Ausblick auf eine der beiden Möglichkeiten hat, sollte sie beim Schopfe packen, sobald sie sich bietet.

 

Denn so schnell kommen diese Privilegien nicht wieder, vor allem wenn der Kontakt zur Universität und ihren Professoren nach dem Referendariat erst einmal abgerissen ist.

 


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Contra: Die Halbwertszeit des Vergessens

Wer nur schon daran denkt, wie viel Stoff in den kurzen Monaten zwischen den schriftlichen Klausuren und der mündlichen Prüfung verloren geht, wird sich fragen: Wie viel bleibt von dem mühsam Erlernten des 1. Examens nach 3 Jahren Promotion wohl noch übrig? Die Halbwertszeit des Vergessens ist kürzer als man denkt. Da könnte es schon effektiver sein, das Wissen aus Unizeiten und 1. Examen frisch mit ins Referendariat zu nehmen und gleich voll durchzustarten.

 


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Pro: Job-Angebote während des Referendariats

Apropos durchstarten: Mit einem Doktortitel in der Tasche ist es nicht ganz unüblich, dass einem das ein oder andere wertvolle Job-Angebot bereits während des Referendariats über den Weg läuft. Wer die Promotion bereits hinter sich hat, kann gleich zugreifen, den Arbeitsvertrag im besten Fall noch unterschreiben bevor die Prüfungen ganz rum sind. Dann ist auch die Endnote von keiner so großen Bedeutung mehr.

 

Wie schade wäre es, wenn einem eine solche Möglichkeit unterkommt und aber das Angebot aufgrund einer geplanten Promotion aufgeschoben oder gar ganz ausgeschlagen werden muss?

 

Pro: Mehr als nur ein Titel 

Es ist völlig legitim, sich 3 Jahre mit höchster Fleißarbeit an ein Thema zu setzen, um am Ende den Titel zu haben. Das ist keine Schande und für manche Karrierewege sogar notwendig. Insbesondere Großkanzleien bevorzugen promovierte Absolventen vor Bewerbern, die „nur“ ein 2. Staatsexamen aufweisen können. Doch glücklicherweise bringt diese Promotionszeit nicht nur einen Titel mit sich, sondern viele Erfahrungen, die sowohl im Referendariat, als auch in der Arbeitswelt von großem Vorteil sein können: Arbeiten unter Druck. Völlig selbstständiges Arbeiten, Denken und Planen. Routiniertes und geschliffenes Schreiben von langen Texten, Aufsätzen und Vorträgen. Lange Texte schnell lesen. Eine eigene Herangehensweise an neue und unbekannte Themengebiete entwickeln. Und vor allem – eine hohe Frustrationsschwelle. Denn es gab noch einen Promovierenden, der durch keine Durststrecke gegangen ist und nicht mit Frust und Unsicherheit gekämpft hat.

 


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Contra: Zeitdruck

Durchschnittlich sind Examinanden zwischen 25-27 Jahre alt. Veranschlagt man für eine Promotion 3 Jahre, was nicht großzügig ist, sind wir bereits bei 28-30 Jahren. Danach noch 2 Jahre Referendariat und plötzlich sind wir 30-32 Jahre alt beim Berufseinstieg. Das kann durchaus Druck verursachen, möglichst schnell fertig zu werden. Tatsächlich macht die Reihenfolge dann zwar keinen Unterschied mehr, aber gefühlsmäßig ist es eine völlig andere Situation, ob die Ausbildung mit dem zweiten Examen bereits vollkommen abgeschlossen ist und noch eine Promotion angeschlossen wird, oder ob immer noch Ausbildungszeit und Prüfungen vor einem liegen.

 

Pro: Freiheit

Aus der richtigen Perspektive betrachtet, kann die Promotion ein „Studentenleben Deluxe“ sein. Man verdient Geld, häufig steht ein eigenes Büro an der Uni zur Verfügung, man ist Herr über die eigene Zeit.

 

So viel Freiheit und Flexibilität, inklusive finanzieller Absicherung, kommt so schnell nicht wieder. Oder sogar vielleicht nie wieder.

 

Leicht stolpert der Absolvent vom Referendariat in den ersten Job und muss eine ganze Menge an Zeit, Freiheit und Flexibilität einbüßen. Zwar muss für die Promotion auch hart gearbeitet werden, manchmal sogar Nächte geopfert werden, aber wann und ob dies geschieht, bestimmt man immer noch selbst.

 


Bye, Bye Deutschland?

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Pro: Utopie - Berufsbegleitende Promotion 

In der Theorie klingt das ganz wunderbar: Zunächst das 1. Examen hinter sich bringen. Dann das Referendariat innerhalb von 2 Jahren abhandeln und hoffentlich möglichst gut das 2. Examen bestehen. Dann noch mal zurück an die Uni kommen und promovieren. In der Praxis ist dieser Entwurf sehr selten:

 

Wer im Referendariat die Arbeitswelt gesehen und wahrscheinlich schon das erste Jobangebot in der Tasche hat, kommt nicht für den Bruchteil des Gehalts wieder an die Uni.

 

Denn das muss auch jedem klar sein: Eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle ist eine wunderbare Sache, aber reich wird man davon nicht. Der Gehaltsverlust im Vergleich zu einem Einstiegsgehalt ist enorm. Wer zwischen einem Jobangebot mit anständigem Einstiegsgehalt und einer Promotion mit TDöV Vergütung wählen muss, wird nur bei großer Liebe zur Wissenschaft zurück an die Uni kommen. Letzte Alternative: berufsbegleitend promovieren. Das soll der ein oder andere zwar bereits geschafft haben, aber entweder leidet das eine oder das andere darunter. Und Privatleben oder Freizeit werden dann automatisch Fremdwörter.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Es hat beides seine Vor- und Nachteile, mit der Entscheidung steht aber jeder für sich. Wichtig ist, dass bei der Entscheidung nicht nur die ausgeführten Argumente abgewogen werden, sondern vor allem auch persönliche Hintergründe beleuchtet werden: Wo stehe ich gerade persönlich? Passt ein flexiblerer Lebensstil jetzt besser zu meinem Privatleben oder vielleicht lieber später? Brauche ich eventuell sogar den zeitlichen Druck des noch ausstehenden zweiten Examens, um zeitig fertig zu werden? Ganz gleich zu welchem Zeitpunkt - wer in die Promotion startet, sollte sich ein klares Zeitlimit setzen und, noch viel wichtiger, ein Thema wählen, für das er brennt. Mit diesen Voraussetzungen und einer ordentlichen Portion Zielstrebigkeit und Disziplin wird es dann aber eine wertvolle und lehrreiche Zeit.

 


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