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Juristisches Praktikum – lästige Verpflichtung...

...oder wertvolle Erfahrung?


verfasst von Julian Wagner und veröffentlicht am 23.07.2018

 

Jeder Jurastudent muss es tun, um sich eines Tages für die erste juristische Prüfung anmelden zu dürfen: Drei Monate seiner Studienzeit Erfahrungen im Rahmen eines juristischen Pflichtpraktikums sammeln und das in mindesten zwei unterschiedlichen Rechtsbereichen, stets unter Aufsicht eines Volljuristen. Doch wie kann diese Zeit am besten genutzt werden und was kann ein Praktikum überhaupt bieten?
 

A.   Die vier beliebtesten Praktikumsplätze

  • Internationale Sozietät,
  • öffentliche Einrichtung,
  • lokale Kanzlei oder doch lieber in der
  • Rechtsabteilung eines Unternehmens?

→ Als Jurist in die Rechtsabteilung eines Unternehmens

Die Auswahl an Möglichkeiten, sein juristisches Praktikum als Student zu absolvieren, ist groß, sofern man in der Nähe einer Großstadt lebt oder zumindest einigermaßen mobil ist.

 

1.   Großkanzleien

Bekannt und beliebt: Zahlreiche namhafte Sozietäten bieten zu festen Terminen in den Sommer- und Wintersemesterferien vier- bis sechswöchige Gruppen-Praktika für Studenten ab dem 4.-5. Semester an. Natürlich auch, um mit zukünftigem „Nachwuchs“ schon früh in Kontakt treten zu können.

 

Finde hier den passenden Praktikumsplatz in einer Großkanzlei

 

Daher gelten für die Bewerber in den meisten Fällen auch – ähnlich wie für Berufseinsteiger – spezielle Anforderungen. Im Mittelpunkt stehen dabei, wie so häufig, die bisherigen Studienleistungen.  Auch wenn auf vielen Karriereseiten derartiger Kanzleien keine konkreten Notendurchschnitte genannt werden, so werden dennoch regelmäßig überdurchschnittlich hohe Punktzahlen, meistens auch im Prädikatsbereich, erwartet. Des Weiteren spielen natürlich auch bisherige Arbeitserfahrungen, Englischkenntnisse und sogar das Abiturzeugnis eine Rolle.

Wer den jeweiligen Ansprüchen genügt, erhält ein durchstrukturiertes Wochenprogramm, bestehend aus Workshops, Betreuung durch einen Mentor, Sprach- und Präsentationskursen sowie intensiven Einblicken in die teambasierte Mandatsarbeit einer international tätigen Wirtschaftskanzlei.

Wer sich während des Studiums also schon für Rechtsgebiete mit internationalen Bezügen, insbesondere wirtschaftsrechtliche Themen interessiert und gute Studienleistungen vorweisen kann, bekommt bei Großkanzleien sicherlich eine attraktive Chance, sein Praktikum zu absolvieren, neue Kontakte zu knüpfen und sich im Optimalfall den späteren Berufseinstieg zu erleichtern.

Übrigens: In den meisten Großkanzleien werden Praktikanten auch bezahlt: Je nach Sozietät und individueller Qualifikation (v. a. Studienfortschritt) zwischen 250 und 1000 Euro pro Monat.

 Tipp: Rechtzeitig bewerben! Je nach Kanzlei 6-9 Monate im Voraus.

 

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2.   Öffentliche Einrichtungen

Eine weitere (beliebte) Möglichkeit, ein juristisches Praktikum zu absolvieren, gibt es bei öffentlichen bzw. städtischen/staatlichen Einrichtungen.

Also beim Amts- oder Landgericht in der Nähe, der Polizei, Landratsämtern oder der städtischen Rechtsabteilung. Hier gelten je nach Bundesland und Standort unterschiedliche Anforderungen. Teilweise finden sich auch wenige Informationen auf den zugehörigen Karriere-Webseiten, obwohl die Absolvierung eines Praktikums (in der Regel problemlos) möglich ist. Wer sich also für öffentlich-rechtliche Themengebiete oder eine berufliche Laufbahn als Regierungsrat, Justiziar, Staatsanwalt oder Richter interessiert, sollte im Zweifelsfall auch nicht vor einer Initiativbewerbung zurückschrecken. Gerade an Gerichten, an denen auch Referendarausbildungen stattfinden, gibt es in den meisten Fällen auch die Möglichkeit, sein juristisches Pflichtpraktikum in einem interessanten Rahmen zu absolvieren. Besonders die Chance, an mehreren Gerichtsverhandlungen bzw. Sitzungen unmittelbar teilnehmen zu können und vorher schon einen Blick in die zugehörige Akte geworfen zu haben, kann eine spannende Mischung aus der Anwendung der im Studium erworbenen juristischen Kenntnissen und einem konkreten Praxis-Einblick sein.

 

3.   Kleinere Kanzleien

In mittelständischen und besonders in kleineren Kanzleien gibt es teilweise nur die Möglichkeit, Praktika nach individuellen Absprachen zu absolvieren. Hier können bereits bestehende persönliche Kontakte entscheidend sein, um einen Praktikumsplatz zu ergattern.

Tipp: Netzwerke doch einfach schon einmal bei den zahlreichen Kanzleievents

Wer also bereits Rechtsanwälte in seinem Bekanntenkreis hat, sollte keinesfalls davor zurückschrecken, mit ihnen auch in Kontakt zu treten. Der Einstieg in die Praxis, besonders während des ersten Praktikums, kann deutlich leichter fallen, wenn man von einem bereits bekannten Juristen betreut wird. Personen, zu denen man in einem (wenn auch distanzierten) persönlichen Verhältnis steht, werden sich häufig auch besonders bemühen, ein abwechslungsreiches Praktikum zu bieten und anspruchsvollere Aufgaben zuzuteilen. Gerade in kleineren Kanzleien gibt es keinen permanenten und konstanten Bedarf an Neueinstellungen, anders als bei größeren Unternehmen und Sozietäten, die ständig nach zukünftigen Mitarbeitern Ausschau halten müssen. Daher haben viele kleinere Kanzleien tendenziell eher weniger Interesse an Praktikanten. Oft ist es daher notwendig, mehrmals nachzufragen und sich besonders um den Praktikumsplatz zu bemühen. Viele Anwälte in kleineren Kanzleien ohne eigene HR-Abteilung sind einfach sehr beschäftigt – da haben Bewerbungen und Anfragen von Studierenden eine niedrige Priorität und werden manchmal erst spät oder gar nicht bearbeitet. Hat man zwei Wochen lang nichts von den zuständigen Anwälten gehört, sollten Bewerber deshalb unbedingt trotzdem, am besten telefonisch, nachhaken. Letzteres signalisiert dann auch, dass einem wirklich etwas an der Chance liegt, in der jeweiligen Kanzlei sein Praktikum absolvieren zu dürfen. Erhält man dann endlich die Stelle, ist eine persönliche und intensive Betreuung in Verbindung mit mandantennahen Arbeitseinblicken häufig die Belohnung.

Tipp: Bestehende Kontakte nutzen und während des Bewerbungsverfahrens am Ball bleiben.

 

4.   Rechtsabteilungen in Unternehmen

Dem Syndikus über die Schulter schauen: Bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Consulting-Firmen und in der gesamten Automobil- und Technologiebranche sind Juristen in großen Rechtsabteilungen vertreten – deshalb gibt es hier auch meist zahlreiche Möglichkeiten, Pflichtpraktika zu absolvieren.

Transparente Bewerbungsverfahren, Vergütungen und Talentprogramme sind die Regel. Normalerweise genügen überdurchschnittliche, solide Studienleistungen im befriedigenden Bereich und gute Englischkenntnisse. Im Vergleich zu Kanzleien und staatlichen Einrichtungen können Praktikanten hier in Erfahrung bringen, was wirtschaftsorientiertes Denken und praktisches, von der klassischen Juristerei losgelöstes Arbeiten in einer Konzernrechtsabteilung bedeutet, um auf diesem Weg über den universitären Tellerrand hinauszublicken.

→ Hier findest du entsprechende Unternehmen
 

  • B.   Aufgaben während des Praktikums: Kaffee kochen und kopieren?

Letztlich stellt sich natürlich noch die Frage, welche konkreten Aufgaben man als fortgeschrittener Jurastudent überhaupt erwarten kann. Die tatsächliche Aufgabenzuteilung ist natürlich sehr von den jeweiligen Personen, die für die Praktikanten-Betreuung verantwortlich sind, abhängig. Daher ist es auch sinnvoll, die Praktika frühestens ab dem 4. Semester bzw. nach der Zwischenprüfung zu absolvieren, damit dem Praktikant auch die Bewältigung anspruchsvollerer und damit einhergehend auch interessanterer Aufgaben zugetraut wird. Normalerweise erwarten Praktikanten dann juristische Assistenzaufgaben. Dazu zählen Urteilsrecherchen, die Aufarbeitung einfacherer juristischer Probleme und die Erstellung kleinerer Gutachten sowie das Protokollieren und Korrekturlesen.  Im besten Fall dürfen Praktikanten auch an Mandantengesprächen, Gerichtsverhandlungen, Telefonkonferenzen, Meetings und Ortsterminen teilnehmen.

Tipp: Am wichtigsten ist es, bei der Einarbeitung aufmerksam zuzuhören, selbstständig und zügig zu arbeiten, aber im Zweifelsfall auch nicht zu zögern, Fragen zu stellen. Schließlich befindet man sich während eines Praktikums in einem klar praxisorientierten Ausbildungsabschnitt und soll so viel wie möglich lernen.
 

  • C.   Pflichtpraktika: Eigentlich nur noch eine Formalität?

An zahlreichen Universitäten ist es schon lange üblich: Viele Studenten reichen Bestätigungen über praktische Studienzeiten für den Gesamtleistungsnachweis ein, obwohl die Praktika selbst nie stattgefunden haben. Der ein oder andere mag sich mit dieser durchaus fragwürdigen Methode geschickt einer (vermeintlich) lästigen Verpflichtung entledigen und eine notwendige Formalität erfüllen. Der eigentliche Sinn eines Praktikums, nämlich eine wertvolle Praxiserfahrung zu sammeln, ist damit natürlich nicht erfüllt.

Dabei kann ein Praktikum mehr als nur einen interessanten Einblick in den Arbeitsalltag eines Juristen gewähren, fern ab von pädagogisch konstruierten Fallübungen, Definitionen und Schemata. Vielmehr besteht die Möglichkeit, das erste Mal zu spüren, wie sich der eigene Berufsalltag nach der Studienzeit anfühlen könnte. Egal, ob das eigene Fazit im Bezug auf das jeweilige juristische Berufsbild nach dem Praktikum dann positiv oder negativ ausfällt, als Studierender kann man letztlich nur profitieren: Hat der erste Praxiseinblick gefallen, nimmt man jede Menge Motivation mit in den Studienalltag, da man nun weiß, welche spannenden Aufgaben und Berufsbilder in der Arbeitswelt warten, sobald man Jurastudium und Referendariat erfolgreich abgeschlossen hat. War die erste Praxiserfahrung dann doch nicht so spannend wie erhofft, so ist  zumindest klar geworden, welche Tätigkeiten oder Rechtsbereiche für einen später mal nicht in Frage kommen.

Sicherlich schadet es auch nicht, einfach mal gespürt zu haben, wie ein normaler, vielleicht manchmal auch harter Arbeitsalltag aussehen kann.

Tipp: Obligatorische Praktika auch tatsächlich zu absolvieren, lohnt sich immer.

 

  • D.   Fazit

Die juristischen Pflichtpraktika während des Studiums auch wirklich wahrzunehmen, lohnt sich auf jeden Fall. Abseits der Universität neue, praktische Arbeitserfahrungen zu sammeln und erste Eindrücke in der Berufswelt zu erlangen, ist zweifelsohne eine wertvolle Bereicherung, die sich im Optimalfall sogar motivierend auswirkt. Besonders, wenn man seinen Praktikumsplatz gezielt nach den eigenen Interessen auswählt, gründlich recherchiert und eventuell noch bereits bestehende Kontakte nutzt, kann jeder Student attraktive Praxiseinblicke erhalten. Und jeder Jurist/jede Juristin, der/die sich zur Betreuung bereit erklärt, erhält die Möglichkeit, selbst einmal unmittelbaren Einfluss auf die Ausbildung der Kollegen von morgen auszuüben.

 

Tipp: Wirf direkt einen Blick auf die zahlreichen Angebote für Praktikanten! Hier geht es zu unserem Stellenmarkt.

 


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Über den Autor

Julian Wagner

studiert im 7. Semester Jura in Würzburg und ist seit Dezember 2017 als Autor für TalentRocket tätig. Nebenbei schreibt er auch für seinen Blog „Studi-Tipps: Jura“

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