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„Nein, ich habe keine zwei VB! – Na und!?

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„Nein, ich habe keine zwei VB! – Na und!?"

Auch ohne Prädikatsexamen stehen Juristen viele Türen offen...

 

Liest man sich Stellenausschreibungen oder Interviews mit Leitern von Personalabteilungen durch, überkommt einen schnell der Eindruck es gäbe nur die Alternativen Prädikatsexamen, Big Business und viel Geld oder eben kein "Vollbefriedigend" und eine Zukunft als verzweifelter und verarmter Anwalt mit Büro – Schlafzimmer – Kombination wie Saul Goodman zu Beginn der Serie „Better call Saul“.
 

Das dem nicht so sein kann, liegt eigentlich auf der Hand. Schaffen doch im Schnitt nur um die 15 % der Jahrgänge ihren Abschluss mit "Vollbefriedigend“ oder gar besser.

Was machen bloß die gescheiterten 85 % also mit ihrem Leben? ;)

Zunächst einmal sind sie natürlich nicht gescheitert! Keine zwei VB vorweisen zu können ist noch lange kein Beinbruch.


1. SZENARIO: 1-mal Prädikat, 1-mal drunter

Tatsächlich steht einem mit „nur“ einem VB sogar noch der Weg in die meisten Großkanzleien offen. Hier greift nämlich oft die „zwei-aus-vier-Regel“. Diese geht von der sogenannten vollen Kriegsbemalung bei Bewerbern aus. Die wiederum besteht aus zwei Prädikatsexamen, LL.M. und Promotion. Die zwei-aus-vier-Regel verzichtet dabei auf ein Prädikatsexamen, wenn dafür eine Zusatzqualifikation – ein LL.M. oder eine Promotion – vorgewiesen werden kann. Soll heißen eines von beiden Examen mit Prädikat bestehen, Promotion oder LL.M. dranhängen und schon ist das fehlende VB für die meisten Großkanzleien kompensiert. Daneben existiert in einigen Großkanzleien auch oft die "18-Punkte-Regel", die einem Bewerber erlaubt, ein schlechteres Examensergebnis mit einem besseren auszugleichen, solange in der Summe mindestens 18 Punkte erzielt wurden.


2. SZENARIO: Gar kein VB

Der Ehrlichkeit halber sollte nun gesagt sein: Mit der Karriere in der Großkanzlei wird es wohl nichts. Mit Sicherheit gibt es dennoch Fälle, in denen Bewerber mit zwei knapp unter Prädikat gebliebenen Examen bei besonders günstigen Umständen und einer gerade zu besetzenden Nische in der Kanzlei trotzdem eingestellt wurden. Planbar ist dies jedoch nicht. Alternativen gibt es dennoch genügend!

Eine Alternative kann zum Beispiel der Einstieg in eine mittelständische Kanzlei oder sogar in eine Kanzleiboutique sein. Zwar wird auch hier auf die Noten geschaut, die sind für Juristen leider das A und O, doch bekommen hier auch andere Faktoren eine höhere Gewichtung. Entscheidend hierfür ist die Schärfung des eigenen Profils und das am besten so früh wie möglich.

Hilfreich sein können dabei Praktika, Nebentätigkeiten zum Beispiel als HiWi an der Uni oder gleich in einer Kanzlei, aber auch Zusatzqualifikationen wie Fremdsprachen, Softskills oder ein weiteres wirtschaftsbezogenes Studienfach. Darüber hinaus kann die frühe Spezialisierung auf ein bestimmtes Rechtsgebiet nie schaden, wobei natürlich trotzdem immer das juristische Grundgerüst beherrscht werden muss.

Selbiges gilt dem Prinzip nach auch für Jobs in der freien Wirtschaft oder in Verbänden. Auch hier wird nicht nur auf die Noten geschaut. Die Mitarbeit in der Rechtsabteilung eines DAX notierten Unternehmens ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, nicht aber die in vielen anderen großen Unternehmen. Gerade die Personalabteilungen nicht rein juristischer Unternehmen sind es gewohnt, Bewerber nicht nur anhand ihrer Noten zu beurteilen. Wer hier gewinnbringende Erfahrungen und Kenntnisse vorweisen oder auch einfach mit Persönlichkeit im Vorstellungsgespräch punkten kann, hat durchaus Chancen auf eine gute Anstellung.


 

Selbstständigkeit
Für diejenigen, die schon immer gerne ihr eigener Chef sein und eigene Idee umsetzen wollen, ist der Weg in die Selbstständigkeit eröffnet. Wer diesen Weg wählt, muss sich allerdings im Klaren sein, dass dies in der Regel ein harter wird. Nicht selten stehen gerade zu Beginn der Selbstständigkeit Wochenstunden wie in einer Großkanzlei einem Einkommen am Existenzminimum gegenüber. Belastbarkeit ist hier nur eine von vielen mitzubringenden Eigenschaften.

Neben dem geringen Einkommen und dem hohen Arbeitsaufwand ist besonders das Risiko im Falle des Scheiterns sogar mit Schulden dazustehen ein Punkt, mit dem sich im Vorfeld ernsthaft beschäftigt werden sollte. Ein Überblick wie der Weg in die Selbstständigkeit aussehen kann, gibt es hier.

 

Staat
Schließlich bietet auch der staatliche Justizapparat Absolventen ohne Prädikat Stellen an. Während Richterstellen oder eine Beschäftigung als Staatsanwalt überwiegend nur Prädikatlern offenstehen, gibt es in der Verwaltung einen hohen Bedarf an Juristen auch ohne Prädikat. Die Stellen hier sind mit den für Beamte typischen Vor- und Nachteilen, wie Jobsicherheit, vernünftiger Bezahlung, aber beispielsweise auch begrenzten Aufstiegschancen behaftet und erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit.


Quereinstieg
Schließlich bietet sich noch die Möglichkeit als Quereinsteiger an. Die Ausbildung zum Juristen ist schwer, lang und bisweilen an der Grenze zu überfordernd, hat aber auch einen dementsprechend guten und vor allem branchenübergreifenden Ruf.

So werden Juristen für ihr analytisches Geschick, ihre Sachlichkeit sowie Seriosität und nicht zuletzt wegen ihrem Ehrgeiz und dem durch das Studium nachgewiesenen Durchhaltevermögen geschätzt. Daher stehen Absolventen auch in anderen Branchen viele Türen offen. Exemplarisch genannt seien Unternehmensberatungen, Politik und Journalismus.

 

Abschließend bleibt zu sagen, dass zwei VB zwar schön sind und sie den Berufseinstieg natürlich erleichtern, es aber auch ohne sie geht und das Jurastudium auf keinen Fall umsonst war. Meistens stehen einem viel mehr berufliche Türen offen, als es auf den ersten Blick erscheint und manch eine Tür, die zunächst verschlossen schien – man denke an die Großkanzleien und ihre „zwei-aus-vier-Regel“ – ist vielleicht nur angelehnt und wartet darauf, geöffnet zu werden!
 

Auch interessant:

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02. Dezember 2016


Finn Holzky

Autor:

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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