altText

Lerntipps für 2 VB! - Thomas im Interview

"Mühe und Erfolg stehen im Jurastudium leider nicht zwangsläufig in einem angemessenen Verhältnis."


verfasst von Thomas Kahn und veröffentlicht am 07.12.2017

Thomas gehört zu der wahrscheinlich eher kleinen Gruppe von Studenten, die zunächst in zwei Anfängerklausuren durchgefallen sind, dann aber ein gut im Ersten und ein vollbefriedigend im Zweiten Staatsexamen geschafft haben. Was er für sein Prädikatsexamen anders als andere Juristen gemacht hat und welche Techniken er euch empfehlen kann, verrät er uns im Inteview – und in seinem E-Book Lernapotheke für Juristen.

 

1. Zu welchem Zeitpunkt im Studium hast du dein 1. Examen geschrieben? Wie hat deine Vorbereitungszeit ausgesehen?

Ah, sehr schön. Fangen wir gleich mit dem Teil meines Studiums an, dessen Nachahmung ich anderen nicht unbedingt empfehlen würde. ;-) Mit der Vorbereitung auf den Pflichtteil habe ich erst in meinem 8. Fachsemester begonnen (Dezember 2011). Ich hatte da gerade mein Schwerpunktexamen erfolgreich hinter mich gebracht und war recht optimistisch, dass ich die Vorbereitung auf den Pflichtteil auch in Eigenregie gut hinbekommen würde. Bis ich schließlich ins Examen gegangen bin, hat es dann allerdings noch einmal fast zweieinhalb Jahre gedauert (März 2014), Gesamtstudienzeit: 14 Semester. Das lag vor allem daran, dass ich etwas experimenteller an die Examensvorbereitung herangegangen bin als andere und besonders im ersten Jahr viele Techniken und Programme ausprobiert und teilweise auch selbst entwickelt habe. Gott sei Dank hat das dann am Ende alles gut geklappt, aber ich würde es nicht unbedingt jedem empfehlen. Viel sinnvoller ist es, sich schon ganz am Anfang seines Studiums intensiv mit Lerntechniken auseinanderzusetzen und sich darauf aufbauend einen realistischen Plan für sein Studium zu machen.

 

2. Entscheidung für oder gegen ein Repetitorium für die Examensvorbereitung?

Ich habe mir ein Repetitorium anfangs kurz angeschaut, mich dann aber dagegen entschieden, weil ich mir dachte, dass ich den Stoff, den mir der Repetitor im Unterricht erklärt, ja später doch wieder selbstständig wiederholen muss, um ihn zu behalten. Und weil ich wusste, dass die effizienteste Art zu wiederholen sogenannte Spaced Repetition Programme (speziell Anki) sind, dachte ich mir, dass es sinnvoller ist, wenn ich den Stoff sofort selbst auf digitale Karteikarten übertrage, anstatt ihn mir erst noch einmal von dem Repetitor anzuhören. Deshalb stand recht schnell für mich fest: Ich mache Examen ohne Rep.

Ich will an der Stelle betonen, dass ich kein Gegner von Repetitorien bin. Wenn man gute Dozenten hat und brauchbare Skripten bekommt, kann ein Rep sicher sein Geld wert sein. Außerdem hat man in der Regel Freunde um sich, mit denen man sich vergleichen und besprechen kann, ob man der einzige ist, der dieses bestimmte Problem gerade nicht kapiert. Das ist beruhigend. Die Examensvorbereitung alleine (eine Lerngruppe hatte ich nur vor der Mündlichen) kann bisweilen sehr einsam sein. Aber sie bietet eben auch die größte Freiheit und in meinem Fall war das sicher die richtige Entscheidung.

 

3. Hast du dir einen Lernplan gemacht?

Einen ist gut, gefühlt eher 39, weil der anfängliche Plan immer wieder angepasst und verschoben wurde. Meinen grundsätzlichen Ansatz finde ich aber immer noch brauchbar: Ich habe mir zunächst angeschaut, welche Fächer für das Examen relevant waren, Literatur dafür rausgesucht, die Anzahl der Seiten addiert und mir dann überlegt, wie viel ich pro Tag lesen und zusammenfassen muss, um damit durchzukommen und auch noch genug Zeit zu haben, um alles zu vertiefen. Grob gab es bei mir für jedes Fach eine Erarbeitungsphase, in der ich die Grundstrukturen erfasst und in Anki eingegeben habe, und eine Vertiefungsphase, in der ich mir noch einmal die Probleme und Streitstände genau angeschaut habe. In der ersten Phase hatte ich mir immer schon eine solche Liste mit den verschiedenen Problemen inklusive deren Randnummern erstellt. Die habe ich dann in der Vertiefungsphase nachgearbeitet. (Wichtig: Probleme und Streitstände gehören in aller Regel nicht in Anki, weil es davon zu viele gibt und sie nicht oft genug drankommen!) Parallel habe ich natürlich auch Klausuren geschrieben, aber erst später, weil ich anfangs den Eindruck hatte, dass ich den Stoff noch nicht ausreichend beherrsche, um damit in einer Klausur zurechtzukommen.

 

4. An welchem Ort hast du für dein Examen gelernt? Wo hat es am besten funktioniert?

Ich habe für mein Erstes die meiste Zeit in der Bib gelernt, weil ich mich Zuhause früher andauernd abgelenkt habe. In der Endphase war der Druck aber groß genug, sodass ich auch Zuhause lernen konnte. Für das zweite Examen habe ich dann nur noch so gelernt (auch wieder ohne Rep).

 

5. Mit welchen Dokumenten/ Unterlagen hast du dich vorbereitet?

Überwiegend Skripte (auch Repetitor-Skripte), nur ausnahmsweise Lehrbücher. Die Informationen, die mir darin am wichtigsten schienen, habe ich in Anki eingegeben und damit anschließend ständig wiederholt.

Wovon ich komplett die Finger gelassen habe, sind sämtliche Fachzeitschriften. Ich bin der Meinung, dass Arbeitsaufwand und Ertrag bei diesen in keinem Verhältnis stehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet der Fall drankommt, den du in der letzten RÜ oder JuS oder was auch immer im Detail studiert hast, ist einfach viel zu gering. Vielleicht lohnt es sich vor dem Examen, die letzten zwei bis drei Ausgaben eines Blatts durchzuschauen, aber mehr Zeit sollte man dafür nicht investieren. Man muss einen Fall nicht vorher kennen, um ihn in einer Klausur gut zu lösen. Ich sehe das wie Sebastian: Wer die Basics sicher draufhat, kommt auch mit unbekannten Konstellationen zurecht – Hinter all den exotischen Sonderproblemen stehen nämlich immer wieder dieselben Strukturen. Diese zu erkennen, ist leider nicht ganz leicht, weil viele Lehrbücher und Skripten didaktisch einfach nicht gut aufgebaut sind. Anstatt erst einmal ausführlich den Standardfall zu erklären, der in der Praxis 95% aller Fälle ausmacht, stürzen sich die Spezialisten, die diese Bücher schreiben, oft direkt auf irgendwelche abgefahrenen Probleme. Der Grund dafür ist natürlich, dass es dafür (anders als für den Standardfall) besonders viele Punkte in der Klausur gibt. Aber für das eigene Verständnis ist das Normale viel wichtiger.

 

 

6. Welche Lernmaterialien sind deine Favoriten bzw. am effektivsten für dich gewesen?

Schamlose Eigenwerbung: Meine Basiskarten Jura sind eine Sammlung genau dieser Basics, von denen ich gerade gesprochen habe – deshalb auch der Name.
 

 

Mit unserem Code TLNTRCKT X5A einen exklusiven Rabbat von 20% auf Thomas' Basiskarten Jura

 

7. Gab es eine bestimmte Technik, von der du besonders profitiert hast, beispielsweise Speed-Reading, regelmäßiges Wiederholen von Lernstoff o.a.?  

Mir haben viele Lerntechniken sehr geholfen und zwar bei ganz unterschiedlichen Problemen. Es kommt immer darauf an, was genau das Problem ist: Geht es darum, wie ich Wissen dauerhaft behalte, wie ich mich besser konzentrieren kann, oder suche ich nach einer Strategie, um schon zu Beginn des Semesters regelmäßig zu lernen? Für all diese Probleme gibt es heutzutage sehr gute, aber leider eher unbekannte Lösungen. Deshalb habe ich meine Lernapotheke für Juristen geschrieben. Wie der Titel erkennen lässt, gibt es für mich aber nicht die eine einzig wahre Lerntechnik, sondern unterschiedliche Tools (oder eben: „Medikamente“) für unterschiedliche Probleme. Aus dem E-Book kann sich jeder die Ansätze heraussuchen, die er benötigt, um sein Potential voll auszuschöpfen.

 

8. Hast du viele Probe-Klausuren geschrieben bzw. wann hast du damit begonnen und wie?

Ich habe im Mai 2013 (etwa acht Monate vor meinem Staatsexamen) damit begonnen, Klausuren zu schreiben. In aller Regel habe ich dazu samstags am Klausurenkurs meiner Uni teilgenommen und dann später auch an einem Repetitorien-Klausurenkurs.

 

Insgesamt habe ich 30 Klausuren geschrieben: 17 im Zivilrecht, 7 im Ö-Recht, 6 im Strafrecht.

 

Wichtig ist beim Klausurenschreiben (bzw. grundsätzlich in unserem Studium), dass man sich folgendes klarmacht: Man darf jeden noch so dummen Fehler einmal machen – aber nicht zweimal! Deshalb ist es ganz wichtig, die geschriebenen Klausuren auch gewissenhaft nachzuarbeiten. Die Nacharbeit ist vielleicht die wichtigste Phase des Klausurschreibens, weil man daraus am meisten lernt. Wenn ihr darauf verzichtet, verpasst ihr das Entscheidende und wiederholt dieselben blöden Fehler immer

weiter. Das ist dann wirklich vermeidbares Leid.

Ich habe auch immer darauf geachtet, die Klausuren unter Examensbedingungen zu schreiben – also nach 5h pünktlich abgegeben und beim Schreiben keine Literatur zur Hilfe genommen. Das würde ich auch empfehlen, damit man sich daran gewöhnt, wie es später im Examen läuft.

Für mein Zweites habe ich häufiger auch einfach Klausuren gelöst, ohne sie auszuformulieren. Im Vergleich mit der Lösungsskizze sieht man ja, wo man falsch abgebogen ist und kann seine Schlüsse daraus ziehen. Ganz vernachlässigen sollte man das Ausschreiben von Klausuren aber nicht. Wer wie ich nur noch selten einen Stift in die Hand nimmt, für den sind fünf Stunden Schreibarbeit doch ziemlich ungewohnt. Außerdem lernt man dadurch auch, die Zeit richtig einzuschätzen. (Wie lange brauche ich noch, um alles runterzuschreiben? Wie breit kann ich meine Argumente ausführen?)

 

9. Hast du dich bewusst mit dem Thema Klausurtechnik beschäftigt? Gab es da bestimmte Tipps, denen du gefolgt bist?

Ja. Zu dem Thema habe ich verschiedenes gelesen und mir auch Tipps von einem Freund aus einem höheren Semester geholt. Was mir am wichtigsten erschien, habe ich in meinem Klausurtechnik-Stapel festgehalten. 

Ein Aufsatz zur Klausurtechnik im Strafrecht, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist „Die Strafrechtsklausur – Eine Anleitung zur Lösung von Strafrechtsfällen in Studium und Examen“ von Christina Klaas und Prof. Dr. Jörg Scheinfeld (JURA 2010, 542).

 

10. Wie sah eine typische Woche in deiner Examensvorbereitung aus? An wie vielen Tagen und wie lange hast du jeweils gelernt? Hast du auch ganz bewusst Lernpausen eingelegt?

Gearbeitet habe ich in der Regel sechs Tage die Woche. Unter der Woche habe ich neuen Stoff erarbeitet oder vertieft und samstags eine Klausur geschrieben.

 

Den Sonntag habe ich mir immer komplett freigehalten.

 

Wie viel ich pro Tag gearbeitet habe, hat stark variiert. Ende 2012 habe ich regelmäßig 12 „Einheiten“ pro Tag absolviert.

 

Eine „Einheit“ entspricht dabei 25 min konzentrierter Arbeit ohne Ablenkung oder Pause, bei 12 Einheiten also effektiv 5 h Arbeit.

 

Ab Januar 2013 waren es dann 15 (= 6 h 15 min) und im Februar 2014 – einen Monat vor dem Examen – sogar 19 Einheiten pro Tag (= 7 h 55 min), was hart an der Grenze war. 12 Einheiten finde ich eigentlich ideal, weil dann auch noch genug Freizeit bleibt. Man darf das nicht unterschätzen: Auch wenn sich 5 h nicht nach viel Zeit anhören, sind viele damit anfangs überfordert. Man sollte sich dem Ziel dann langsam annähern. Wer es schafft, sich schon zu Beginn seines Studiums einen solchen Rhythmus anzueignen, hat einen echten Vorteil gegenüber Chaoten wie mir, die erst in der Examensvorbereitung damit beginnen, so effizient,wie möglich zu arbeiten. (Aber natürlich besser spät als nie!) Mehr zu der Zeitmanagement-Technik, mit der ich gearbeitet habe, findet ihr übrigens im dritten Kapitel meiner "Lernapotheke für Juristen". Es ist die wunderbare Pomodoro-Technik.

Meinen Tag habe ich jeweils damit begonnen, die Karteikarten zu wiederholen, die Anki mir vorgesetzt hat, weil ich die (nach Einschätzung des Programms) wieder vergessen würde, wenn ich das jetzt nicht tue. Je mehr Stoff ich schon erarbeitet hatte, desto mehr Karten wurden natürlich pro Tag fällig, weshalb ich immer mehr Zeit für die Wiederholung aufwenden musste. Anfangs waren das nur ein paar Minuten, später bis zu 3 h jeden Tag. Das war schon sehr ätzend, aber dadurch konnte ich mir sicher sein, dass ich alles, was ich einmal gelernt habe, auch behalte. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, dass ich irgendein Fach vernachlässige und ich brauchte mir keinen Wiederholungsplan zu erstellen, an den sich sowieso kein Mensch hält. Insgesamt habe ich in der Vorbereitung auf mein erstes Staatsexamen etwa 8.000 (allerdings oft sehr kurze) Karteikarten erstellt und auch dauerhaft wiederholt.

 

11. Was möchtest du unseren Lesern noch gerne mitgeben?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die „Lernen lernen“-Literatur durchsetzt ist von einigen Mythen und Vorstellungen, die, obwohl sie niemals wissenschaftlich belegt wurden – oder inzwischen sogar als widerlegt gelten – einfach nicht totzukriegen sind. Ein gutes Beispiel dafür sind die endlosen Lerntypentests, die noch immer Teil fast eines jeden Lernratgebers sind. Wenn du so einen Test schon mal gemacht hast. Herzlichen Glückwunsch, das sind 10 Minuten Lebenszeit, die du schon mal nicht zurückbekommst :-). Warum das Konzept unsinnig ist, könnt ihr in der kostenlosen Leseprobe der Lernapotheke nachlesen. An dieser Stelle nur so viel: Wenn ein Ratgeber unkritisch von Lerntypen redet, legt ihn aus der Hand, weil der Autor das mit großer Wahrscheinlichkeit von irgendeinem anderen populärwissenschaftlichen Ratgeber abgeschrieben hat, ohne sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen.

 

Schließlich ist es hilfreich, einmal grundsätzlich über die Frage nachzudenken, wann wir zufrieden mit unserer Leistung sein dürfen.

 

Mühe und Erfolg stehen in unserem Fach leider nicht zwangsläufig in einem angemessenen Verhältnis.

 

Weil die Stoffmenge so wahnsinnig ist, braucht man für eine gute Einzelnote bzw. für ein Prädikatsexamen oft auch einfach Glück. Damit umzugehen und nicht daran zu verzweifeln, muss man lernen. Wie geht das? Indem wir uns auf die Dinge konzentrieren, die wir beeinflussen können, also darauf, wie regelmäßig, wie konzentriert und wie intelligent wir lernen – und indem wir dann stolz auf diese Anstrengungen sind, egal wie das Ergebnis ausfällt. Wir können nur versuchen, unsere Chancen zu steigern. Ich bin davon überzeugt, es lohnt sich, das zu tun.

 


Leser interessierten sich auch für:

 

Über den Autor

Thomas Kahn

ist Jurist (1. Staatsexamen in Mainz, 2. in Berlin) und Autor der Lernapotheke für Juristen, einem E-Book, in dem er die Techniken beschreibt, mit denen er es selbst zum Doppelprädikat (gut & vb) gebracht hat. Er bietet außerdem eigene digitale Lernmaterialien für das Staatsexamen an – die Basiskarten Jura.

Juristische Arbeitgeber, Jobs oder Events. Exklusiv für Mitglieder!

Mit der 1-Klick Bewerbung kannst du dich in Sekundenschnelle bei den Arbeitgebern bewerben.

Hat dir der Artikel gefallen? Feedback geben


Talente haben sich auch diese Artikel durchgelesen:

Studium & Co.

Reform des Jurastudiums - wird alles besser?

Von Abschichten und E-Examen

Studium & Co.

Was kostet ein Jurastudium?

Das sind die größten Kostenfaktoren

Studium & Co.

Global Flows: Ein Phänomen mit Wachstumspotential?

Welche Länder bei Jurastudenten am beliebtesten sind