Die Verwaltungsstation im Jurastudium

Verfasst von Nicol Jasiurova

Die Jura-Verwaltungsstation im Referendariat

Ist die Verwaltungsstation wirklich so langweilig wie ihr Ruf?

Nachdem du nun die ersten Monate deines Referendariats erfolgreich hinter dir lassen kannst, wartet jetzt die Verwaltungsstation auf dich. Zeit für Vorfreude oder doch eher Augen zu und durch? Die Meinungen über die Verwaltungsstation sind sehr gespalten und spiegeln in der Regel eine während des Studiums gewonnen Begeisterung oder Abneigung mit Blick auf das öffentliche Recht wider. Allerdings müssen Horrorgeschichten wie dauerhafte Anwesenheitspflicht in verstaubten Behörden nicht auch zu deinem Stationsalltag werden – im Rahmen der Verwaltungsstation bist du das erste Mal frei, was die Wahl deiner Ausbildungsstelle anbelangt! Wie du diesen Vorteil nutzen kannst, um so inmitten der vielen Möglichkeiten die ideale Station für dich zu finden, zeigen wir dir hier. 

 

Was erwartet man von dir in der Verwaltungsstation im Referendariat? 

Sämtliche staatliche Ausbildungsstellen nutzen die Station der Referendar:innen, um diese idealerweise für eine Tätigkeit in diesem Bereich zu begeistern. Dabei möchtest du natürlich nicht sprichwörtlich die Katze im Sack kaufen. Zielsetzung der Verwaltungsstation ist es deshalb, dass du als Referendar:in die Arbeitsweisen einer Verwaltungsbehörde kennenlernst und auch ihren Aufbau verstehst

Die Aufgaben, die du selbst dabei zu bewältigen hast, variieren zwar von Behörde zu Behörde, grundsätzlich liegt jedoch der Fokus auf dem Anfertigen von Gutachten und Stellungnahmen zu verschiedenen rechtlichen Aspekten sowie der Übernahme von typischen Aufgaben in der Verwaltungspraxis. Insbesondere die Bearbeitung von Widerspruchsbescheiden und das Ausfertigen von Erstbescheiden sind dabei regelmäßig Aufgabengebiete der Referendar:innen bei Verwaltungsbehörden. 

Daneben gibt es eine Vielzahl anderer Ausbildungsstellen, die wir dir unten genauer vorstellen – von Urteilen über rechtliche Recherchen bis hin zu Außeneinsätzen kann dort alles auf dich warten. Insgesamt sollst du im Rahmen der Verwaltungsstation die normativen Regelungen und Verwaltungsvorschriften in ihren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen sehen, um so den Sinn und Zweck besser erfassen zu können. Die Dauer der Verwaltungsstation ist ebenfalls abhängig vom jeweiligen Bundesland und variiert zwischen drei und vier Monaten.

Grundsätzlich kannst du bereits kurze Zeit nach Beginn deiner ersten Station mit der Bewerbung für die Verwaltungsstation beginnen.

Wann sollte man sich um einen Platz kümmern?

Da die Verwaltungsstationen nicht automatisch vergeben werden, empfiehlt es sich, sich bereits frühzeitig zu bewerben. Die guten Plätze sind nämlich auch hier naturgemäß schnell vergeben. Wer insbesondere examensrelevante Themen bearbeiten möchte, der tut gut daran, sich bei einem Rechtsamt zu bewerben.
Grundsätzlich kannst du bereits kurze Zeit nach Beginn deiner ersten Station mit der Bewerbung für die Verwaltungsstation beginnen. Der Ablauf ist je nach Ausbildungsstelle mal mehr, mal weniger formell. Teilweise genügt es, sich mündlich mit dem Rechtsamt in Verbindung zu setzen und eine dortige Ausbildung zu vereinbaren, teilweise ist jedoch auch eine formelle Bewerbung mit Anschreiben erforderlich. In jedem Fall solltest du deine gewünschte Stelle rechtzeitig kontaktieren. Zudem ist es erforderlich, bei der für dich zuständigen Regierung im Rahmen der Verwaltungsstation eine Entsendung bzw. Zuweisung an die gewünschte Ausbildungsstation zu beantragen. 
 

Woher kommt der schlechte Ruf der Verwaltungsstation?

Die Kombination aus der Anwendung des per se unbeliebten Verwaltungsrechts aus dem Studium und die zum Teil geltende Anwesenheitspflicht auf der Dienststelle sind wahrscheinlich der Hauptgrund für den Verdruss vieler Referendar:innen während ihrer Verwaltungsstation. Diese negative Vorprägung kannst du jedoch überwinden, indem du dir die Bandbreite des Verwaltungsrechts vor Augen führst. Es erschöpft sich nicht lediglich in den Pflichtbereichen Kommunal-, Bau-, und Polizei- und Sicherheitsrecht, sondern geht weit darüber hinaus. 

Häufig verfliegt allerdings die Zeit so schnell, dass bei Beginn des Bewerbungsprozesses bereits alle interessanten Stellen vergeben sind. Dass man in dem Fall die Stationszeit enttäuscht in einer unspektakulären Verwaltungsbehörde absitzt, verwundert wenig. Doch auch in diesem Fall kann man viel Positives daraus ziehen! In Verwaltungsbehörden erlebst du nämlich die Anwendung des Verwaltungsrechts in der Lebensrealität – derselbe Umgang wird von dir auch im zweiten Staatsexamen erwartet, sodass du dich als Stationsreferendar:in darauf vorbereitet wirst.

Im Idealfall bist du aber früh genug dran und kannst dich bei der breiten Auswahl an möglichen Ausbildungsstellen austoben. Welche Türen dir hier potenziell offen stehen, zeigen wir dir im Folgenden.

Was verdient man während des Referendariats?

Der Verdienst während des Referendariats unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland.


→ Zur Übersicht der Gehälter

Die Qual der Wahl – Ideen für deinen Verwaltungsstation 

Der Begriff „Verwaltung“ in der Verwaltungsstation ist bei der Vielfalt an Möglichkeiten definitiv zu kurz gegriffen. Entgegen der ersten Intuition stehen dir (je nach Bundesland) nicht nur Stellenangebote im staatlichen Verwaltungsapparat offen, sondern auch in inländischen oder europäischen Legislativorganen oder bei Gerichten

Mögliche Anlaufstellen für deine Verwaltungsstation finden sich hier:

  • Landesparlamente oder die Verwaltung des Deutschen Bundestags
  • Europäische Union/Europäischer Rat
  • Landeskriminalamt
  • Ärzte-, Handwerks-, oder Handelskammern
  • Anstalten des öffentlichen Rechts wie beispielsweise Rundfunkanstalten
  • Hochschulen im Bereich der Hochschulverwaltung
  • Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer
  • Finanzgerichte oder Finanzämter

Die Verwaltungsstation im Deutschen Bundestag 

Die Verwaltung des Deutschen Bundestags ist stets auf der Suche nach Referendar:innen. Die Station absolvierst du demnach nicht bei Abgeordneten, sondern im Bereich der Verwaltung. Wenn wissenschaftliches Arbeiten zu deinen Interessen zählt, ist Berlin also die richtige Adresse. 

Die Wissenschaftlichen Dienste sind für sämtliche Abgeordnete die erste Anlaufstelle für Fragen, die mal mehr und mal weniger in die Tiefe gehen. Deine Aufgabe ist es, diese Fragen im Rahmen kleiner Ausarbeitungen zu beantworten. Dabei ist die Verwaltung in unterschiedliche Geschäftsbereiche untergliedert, sodass du dich diesbezüglich von deinen Interessen leiten lassen kannst. 

Für deine Ausarbeitung profitierst du einerseits von dem enorm breiten Zugriff auf eine Vielzahl diverser Datenbanken und andererseits von der gigantischen Bibliothek im Deutschen Bundestag. Recherchearbeit ist gleichzeitig wenig gewinnbringend für deine konkrete Examensvorbereitung. Du solltest also für dich entscheiden, wie examensorientiert du deine Verwaltungsstation gestalten möchtest. 

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Stationszeit in Brüssel bei der Europäischen Union

Zieht es dich zu den Institutionen der Europäischen Union, so kannst du diese Begeisterung ideal mit der Verwaltungsstation kombinieren. Hierbei kannst du eine sogenannte „stage atypique“ absolvieren, die in vielerlei Hinsicht atypisch ist. Die sonst geltende Pflichtvorgabe bezüglich der Dauer eines Praktikums gilt für dich als Rechtsrefendar:in nicht, die Länge entspricht also deiner gewöhnlichen Stationsdauer. 

Inhaltlich hast du freie Wahl und kannst das Referat, für das du dich bewerben möchtest, komplett nach deinen Interessensgebieten wählen. Teilweise sind die Verantwortlichen nicht im Detail mit dem deutschen System während des Referendariats vertraut, sodass es nicht schaden kann, dieses zu Beginn deiner Bewerbung in Grundzügen zu erläutern.

Während deiner Zeit bei der Europäischen Union wirst du juristisch definitiv gefordert und arbeitest unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Jura und Politik. 

Rechtsreferendariat bei der Polizei

Für diejenigen, die während ihres Referendariats richtig was erleben möchten, könnte die Polizei die richtige Wahl sein. Zur Auswahl stehen Plätze bei den normalen Polizeidirektionen, aber auch bei den Landeskriminalämtern. Gerade bei der Polizei ist eine  frühe Bewerbung besonders wichtig, da diese Station üblicherweise äußerst beliebt ist und Wartezeiten von über einem Jahr keine Seltenheit darstellen.

Je nach Dienststelle kann sich das Referendariat dabei sehr abwechslungsreich gestalten. Neben typischen Verwaltungsaufgaben können Referendar:innen in der Regel bis zu einem Monat am Schichtdienst teilnehmen und somit aktiv auf Streife dabei sein. Dies kann ein nicht unerheblicher Vorteil für spätere Verfahren sein, da du so schon einmal Verständnis über die Arbeitsweise der Polizei erlangst.  Auch können Hausdurchsuchungen oder andere Ermittlungsarbeiten aus nächster Nähe beobachtet und begleitet werden.

Nahezu ein Klassiker sind die Berichte von einmaligen „Fahruntüchtigkeitstrinken“, bei denen die Möglichkeit geboten wird, unter wissenschaftlicher Aufsicht gezielt bestimmte Alkoholpegel zu erreichen, um ein besseres Verständnis für entsprechende gesetzliche Grenzen zu bekommen.

Ein Semester lang dem Referendariats-Alltag entkommen in Speyer

Das Referendariat ist dir zu praxisorientiert und du vermisst deine Studienzeit? Dann ist eine Verwaltungsstation an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer die richtige Adresse für dich! Im Rahmen eines dreimonatigen Ergänzungsstudiums kannst du dort diverse Vorlesungen belegen und dich so in die universitäre Atmosphäre zurückversetzen. 

Je nach Bundesland steht dir diese Option in der Rechtsanwalts- und/oder Verwaltungsstation und/oder Wahlstation offen. In der Regel bist du bei der Kurswahl weitestgehend frei, lediglich die Wahl der Landesübung für dein jeweiliges Bundesland ist verpflichtend. Besondere praxisorientierte Kurse stehen bei einer Absolvierung des Speyer-Semesters in der Rechtsanwaltsstation an der Pflichtordnung, allerdings bleibt dir auch hierbei ein Freiraum erhalten. Das Speyer Semester geht im Winter vom 1. November bis zum 31. Januar und im Sommersemester vom 1. Mai bis 31. Juli. 

Der Name ist im Übrigen nicht Programm – Speyer bietet weitaus mehr als nur Verwaltungsrecht. Im Rahmen des Vorlesungsangebots kannst du gleichermaßen Kurse im Zivil- oder Strafrecht belegen und profitierst zudem von vielen weiteren Angeboten aus anderen Disziplinen. So stehen Kurse im Bereich der Soziologie, Wirtschaftswissenschaften oder Finanzpolitik zur Auswahl. Erweitere deinen Horizont durch Vorlesungen im Bereich Weinrecht oder dem Recht des unbemannten Luftverkehrs, lasse dich in die digitale Welt und ihre rechtlichen Implikationen einführen oder schnupper in „Psychologie für Juristen“ hinein.

Unverbindlich ans Verwaltungsgericht 

Je nach Bundesland kannst du deine Verwaltungsstation im Referendariat an einem Verwaltungsgericht absolvieren. Deine Aufgaben unterscheiden sich in dem Fall wenig von der Zivilstation am Gericht, da du gleichermaßen gerichtliche Entscheidungen entwerfen wirst. Kommt die Verwaltungsgerichtsbarkeit für dich in Betracht, so ist dies die ideale Möglichkeit, um in die tägliche Arbeit hineinzuschnuppern. Insbesondere erlebst du so die Bedeutung des Begriffs Amtsermittlungsgrundsatz im Verwaltungsverfahren am eigenen Leib!

Wenn die hohe Politik ruft

Ebenfalls zum Verwaltungsapparat und somit zu den möglichen Verwaltungsstationen gehören die Ministerien der Länder und des Bundes. Wer hier sein Referendariat absolvieren möchte, der muss sich wieder frühestmöglich bewerben und gute Noten mitbringen, denn diese Stellenangebote sind wirklich sehr rar gesät. Dafür kann der Referendar einen Einblick in die Arbeitsweise der Minister und ihren Mitarbeitern erwarten und live vor Ort sein, wenn Politik auf Länder oder Bundesebene gemacht wird.

Es kommen hierfür übrigens auch Ministerien in Frage, die außerhalb des Bundeslandes des entsprechenden OLG Bezirks liegen. Allerdings ist hier häufig das Problem gegeben, dass regelmäßiges Pendeln zur Teilnahme an den AGs unausweichlich ist. In der Regel werden diese Fahrtkosten nicht übernommen und somit sollte ein solches Vorhaben genau geplant und auch konkret durchgerechnet werden.

Insbesondere für Jurist:innen, die ihre Zukunft im gehobenen Verwaltungsdienst sehen oder ein hohes politisches Interesse mitbringen und sich auch eine Karriere in der Landes- oder Bundespolitik vorstellen könnten oder sogar planen, kann sich diese Station als Einstiegsgelegenheit in die Politik herausstellen.

Ran an die Planung

Die vielfältigen Wahlmöglichkeiten bieten also viel Grund für Hoffnung, dass die Verwaltungsstation eine Zeit wird, die man nicht nur über sich ergehen lässt. Im Gegenteil:Es steht in deiner Macht, die wenigen Monate spannend zu gestalten und dich an etwas Neues heranzutrauen. 

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Nicol Jasiurova
Rechtsreferendarin Wirtschaftsrecht

Meine Interessen und Schwerpunkte liegen vor allem dort, wo die juristische Bewertung von Beziehungen zum Tragen kommt - oder anders gesagt alles, wo Grundrechte, Strafrecht und der Faktor Mensch zusammenkommen.