Karrierewege für Juristen ohne Prädikat

Verfasst von Finn Holzky. Veröffentlicht am 10.05.2021.

Karrierewege ohne Prädikat: 6 Möglichkeiten

Juristen jenseits von Großkanzlei & Staatsdienst

Beschäftigt man sich mit der gängigen Fachliteratur oder den online verfügbaren Quellen zum Thema Karrierewege und -möglichkeiten, stellt sich schnell der Eindruck ein, es gäbe lediglich zwei Arten von Juristen: Einmal die Prädikatsjuristen, die sich die Jobs in den Großkanzleien oder beim Staat aussuchen können, und auf der einen Seite diejenigen, die knapp unterhalb des Prädikats geblieben sind und diesen „Malus“ durch einen LL.M oder Doktortitel wettmachen müssen. Blickt man hingegen in die Statistiken der Justizprüfungsämter, offenbart sich eine ganz andere Realität. Da auch die Arbeitslosenstatistiken nicht von Massen an Juristen unterhalb der Prädikatsgrenze ohne LL.M nach oben gerissen werden, stellt sich die Frage: Wo landen Juristen mit Examina jenseits der 7-8 Punktegrenze und welche Karrieremöglichkeiten haben sie?

Hier stehst du vor verschlossenen Türen

Auch wenn der juristische Arbeitsmarkt sich immer weiter liberalisiert, neue Softskills und vor allem IT-Affinität an Relevanz bei der Suche nach Mitarbeitern gewinnen, sind Juristen nach wie vor Sklaven ihrer Noten. Es gibt bestimmte Jobs und Arbeitgeber, die sind ohne die entsprechenden Noten unerreichbar.

Hierzu zählen zum Großteil noch die Großkanzleien, wobei es nur noch ein sehr elitärer Kreis an Lawfirms ist, der es sich tatsächlich erlauben kann, auf zwei Prädikate zu bestehen.

Auch dort stellen Experten ein leichtes Sinken der Ansprüche fest. Noch deutlicher tritt dies im Staatsdienst auf, denn die Zeiten, in denen bundesweit Richter und Staatsanwälte nur Prädikatsjuristen werden konnten, sind längst passé. Insbesondere in den neuen Bundesländern, aber auch in den Regionen fernab der Ballungsgebiete, öffnen sich die Möglichkeiten in den Staatsdienst teilweise bei rund 7,5 – 8 Punkten. Wer diese allerdings nicht erreichen konnte, der steht auch hier noch heute vor verschlossenen Türen. 


Lohnt sich der Staatsdienst überhaupt?

→ Die Gehälter der verbeamteten Juristen im Überblick

 

Ob ein weiteres Absenken der Notenstufen zu erwarten ist, ist kaum seriös prognostizierbar. Zumindest im öffentlichen Dienst steht jedoch bekanntermaßen eine große Pensionierungswelle bevor. Mit Blick auf die schon heute bestehenden Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten für den Staatsdienst zu gewinnen, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass die Hürden für den Einstieg in das Richteramt oder andere staatliche Ämter in naher Zukunft noch einmal nach unten korrigiert werden.

 

Hier stehen die Türen offen

Anders als bei den zuvor genannten Jobs, gibt es aber natürlich für Volljuristen mit eher schwächeren Examen Möglichkeiten, die diesen zweifelsfrei offen stehen. Dazu gehören  zum Beispiel folgende:

 

Maximale Freiheit: Die eigene Kanzlei

Der mit Hinblick auf den Zugang einfachste Weg, ist nach wie vor die Selbstständigkeit, denn wer zwei Staatsexamina erreicht hat, der ist berechtigt, den freien Beruf des Rechtsanwalts auszuüben. Welche Noten derjenige zuvor erreicht hat, spielt zunächst einmal keine Rolle mehr und mangels weiterer Voraussetzungen kann grundsätzlich eine Kanzlei eröffnet werden.

Selbstverständlich stellt sich die Frage, ob ein eher schwächerer Student besonders dafür geeignet ist, als Anwalt direkt als Einzelkämpfer in das Berufsleben zu starten und zusätzlich den organisatorischen Aufwand der Kanzleigründung und -führung auf sich zu nehmen. Dasselbe gilt hinsichtlich der Erfolgsaussichten als neu gegründete Kanzlei und insbesondere der wirtschaftlichen Aussichten mit Blick auf die zu erwartend schwierige Mandantenakquise. 

Nichtsdestotrotz ist es ein klares Privileg des Volljuristen, den Anwaltsberuf als freien Beruf auszuüben und von dem Schutz dieses Berufs durch die deutsche Gesetzeslage zu profitieren.

 

Wirtschaftsberater oder Unternehmensjurist

Auch wenn Wirtschaftsberatungsgesellschaften und Unternehmen sehr unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich ihrer juristischen Mitarbeiter haben und auch hier einige Arbeitgeber Examina im oberen Bereich erwarten, sind die Möglichkeiten deutlich besser, schwächere Noten auszugleichen. Berufserfahrung, kaufmännische Skills oder Zusatzqualifikationen wie Fremdsprachen oder z.B. eine Ausbildung können hier den Ausschlag geben. Insbesondere Unternehmen suchen verstärkt nach Juristen, denen betriebswirtschaftliche Aspekte nicht fremd sind oder die mit dem Kerngeschäft oder der Technologie eines Unternehmens vertraut sind.

Auch Fremdsprachenkenntnisse können definitiv eine überragende Relevanz haben, wenn z.B. ein Unternehmen ganz überwiegend in bestimmten Ländern Geschäfte macht. Dasselbe gilt für Wirtschaftsberater, deren Kompetenzen im besten Fall eine fachliche Richtung plus juristische Kenntnisse abdecken. Insbesondere in juristisch geprägten Themengebieten wie z.B. Compliance und Datenschutz werden häufig Juristen benötigt, wobei es insbesondere auf eine breit aufgestellte Expertise nicht ankommt. 

→ Anwalt für nur einen Mandanten: Das Berufsbild des Unternehmensjuristen

Nochmal Examen gefällig? Werde Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer

Dieser Weg ist zugegebenermaßen alles andere als üblich und kann als durchaus steinig bezeichnet werden. Wer allerdings in eine der beiden Richtungen tendiert und einen entsprechenden Job in einer Wirtschaftsprüfungs- oder Steuerberatergesellschaft gefunden hat und hier Praxiserfahrung sammelt, der kann sich früher oder später für die entsprechenden Examina anmelden. 

Diese beiden Examina sind allerdings sehr hart, benötigen eine intensive Vorbereitung und weisen hohe Durchfallquoten auf. Nichtsdestotrotz ergibt sich mitunter so die Möglichkeit, zwei eher mäßige Examen nachträglich deutlich aufzubessern und einer Tätigkeit nachzugehen, bei der die juristische Expertise eben nicht mehr die einzige und ausschlaggebende ist.

 

Digitale Zukunft: Jobs im Bereich Legal Tech

Wie auch viele andere Branchen wird das Rechtswesen zunehmend digitalisiert. Das beginnt bei der Digitalisierung von Bibliotheken, geht über digitale Fortbildungsmöglichkeiten oder die Möglichkeit, bei Online-Portalen bestimmte Rechte einzuwerben, und endet bei Watson-basierten Algorithmen, die versuchen Rechtsfragen zu lösen. Die Anforderungen an Mitarbeiter sind entsprechend anders als in der klassischen Kanzlei oder Rechtsabteilung eines Unternehmens.IT-Affinität ist kein Plus, sondern ein Muss, und für bestimmte Jobs reicht ein hohes Maß an juristischem Grundverständnis aus, um den Anforderungen zu entsprechen.

Natürlich bietet sich auch in diesem Bereich als Alternative die Selbstständigkeit an – eine gute Idee vorausgesetzt. Jedenfalls waren die Möglichkeiten, im Umfeld der Rechtsberatung zu arbeiten, ohne den Zwängen und Konventionen der Rechtsberatung zu unterliegen, wahrscheinlich noch nie so gut. 

→ Legal Tech: So modern sind Deutschlands Juristen

 

Journalismus als Branche mit Chance

Auch für diesen Weg benötigt es mehr als nur die Bereitschaft, einen 9-5 Job zu machen, aber Journalisten profitieren stets von einem juristischen Grundverständnis. Zudem ist die Anwendung von Sprache für Journalisten und Juristen gleichermaßen das Mittel zum Zweck. Hinsichtlich der Ausübung beider Jobs gibt es also schon viele Überschneidungen.

Doch auch im Vorfeld der Schreibtätigkeiten eines Journalisten profitiert ein solcher vor juristischen Grundtugenden. In der Recherche, der forensischen Arbeit also, sind strukturiertes Vorgehen und klare Analysen gefragt, sowie in bestimmten Bereichen auch große Sachlichkeit. Der Journalismus in seiner Gänze steht aktuell besonders unter dem Brennglas und Themen wie „Fake News“ oder „Clickbaiting“ sorgen für einen hohen Anspruch an die Arbeit von Journalisten. Juristische Sachlichkeit und Gründlichkeit werden daher gefragte Attribute im Journalismus der Zukunft sein.
 

"Irgendwas mit Medien": So klappt's mit der Journalistenlaufbahn:

→ Diese Möglichkeiten haben Juristen in der Medienbranche

→ Als Jurist in den Verlag: So schlägst du neue Wege ein

Kleine und mittelständische Kanzleien

Auch wenn die Qualität von kleinen und mittelständischen Kanzleien keinesfalls geringer sein muss, als es in Großkanzleien der Fall ist, wird dort allein schon wegen der Teamgrößen viel Wert auf Attribute abseits der Noten gelegt. Auch sind die kleineren oder weniger attraktiven Standorte häufig ein Grund dafür, dass die Ansprüche in Sachen Examensnoten gesenkt werden.

Auch eine fachliche Expertise, z.B. nachgewiesen durch einen Fachanwaltstitel bzw. das Ziel, Expertise in einem bestimmten Rechtsgebiet aufzubauen, können hier ausschlaggebend sein. An kleineren Standorten sind zudem Themen wie Vernetzung und Mandantenbindung ein deutlich größeres Thema als z.B. für Berufseinsteiger in Großstädten bei Großkanzleien.

 

Noten sind nach wie vor ein wichtiges Thema für Juristen. Doch wie aufgezeigt, gibt es immer mehr Möglichkeiten, auch abseits der üblichen Karrierewege gute Tätigkeiten zu finden, sich zu entwickeln und beruflich erfolgreich zu sein. Insbesondere der Aufbau von zusätzlichen Kompetenzen kann diese alternativen Wege dabei deutlich erleichtern und sollte daher möglichst früh begonnen werden.

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