Verfasst von Julian Wagner. 

Endlich auch ohne Prädikat: Großkanzlei und Richteramt

Wie einfach ist die Karriere ohne Prädikat wirklich?

Auch wenn das Erreichen von lediglich 50 Prozent der Gesamtpunktzahl für Laien wenig nach Exzellenz klingt, so sind 9 Punkte für Nachwuchsjuristen und Arbeitgeber seit jeher ein Zeichen besonders herausragender Fachkompetenz. Nicht verwunderlich ist daher auch, dass das große Prädikat im 2. Staatsexamen als Schlüssel zu den attraktivsten Einstiegsmöglichkeiten am juristischen Arbeitsmarkt gilt. Allerdings erreichen bzw. übertreffen im bundesweiten Durchschnitt nur circa 18 Prozent aller Absolventen des Assessorexamens die 9 Punkte Marke. Damit sind sie für anspruchsvolle Arbeitgeber ein rares Gut. Der gegenwärtige Bedarf an Spitzenjuristen ist nämlich derzeit sowohl im Staatsdienst als auch in Großkanzleien kaum noch zu decken. Wie geht es mit dieser Personalnot voraussichtlich weiter und inwiefern wirkt sie sich auf die formellen Einstellungsvoraussetzungen aus?

 

1. Begehrtes Beamtentum: Der Staatsdienst

Auch wenn Konzerne mit riesigen Rechtsabteilungen und namhafte Großkanzleien nicht selten mit hohen Einstiegsgehältern locken, ist es kein Geheimnis, dass der Staatsdienst durchaus gleichermaßen attraktive Berufsmöglichkeiten für Juristen bietet. Langfristige (finanzielle) Planungssicherheit, eine gute Alters- und Krankenversorgung sowie eine ausgeglichenere Work-Life-Balance gehören unter anderem zu den besonderen Vorzügen des Beamtentums. Ganz oben auf der Wunschliste vieler Nachwuchsjuristen steht daher auch der Beruf des Richters oder Staatsanwaltes.

 


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1.1 Ein statistischer Ausblick: Die Pensionierungswelle kommt

Die Chance, eine entsprechende Stelle beim Staat zu ergattern, ist momentan und in den nächsten Jahren relativ gut, besonders, weil viele Richter in Pension gehen werden. Dieser Trend dürfte sich im Laufe der kommenden Jahre drastisch zuspitzen:
Während in diesem Jahr nämlich ca. 540 Richter und Staatsanwälte bundesweit aus dem Dienst scheiden, werden es in fünf Jahren, also im Jahr 2024, bereits knapp 790 und 2029 über 1.050 sein.

 

Auf die deutsche Justiz und den Arbeitsmarkt kommt folglich eine regelrechte Pensionierungswelle zu, die im Jahr 2028 mit rund 1.140 Abgängen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen wird.

 

Konkret gehen in den nächsten zehn Jahren – von Anfang 2019 bis Ende 2028 – voraussichtlich etwa 7.800 Richter und Staatsanwälte und damit über 27 Prozent der gesamten Belegschaft (28.420) in den Ruhestand. Legt man die gängige Pensionierungsquote von 2,5 Prozent pro Jahr als Regelwert zugrunde, wären somit nach 10 Jahren bereits so viele Richter und Staatsanwälte aus Altersgründen nicht mehr im Dienst, wie dies eigentlich erst nach 11 Jahren der Fall sein sollte. Was auf den ersten Blick noch relativ unproblematisch wirkt, ist aufgrund der inkonstanten Verteilung jedoch durchaus gravierend: Allein auf die drei Jahre von 2026 bis einschließlich 2028 entfallen nämlich ca. 39,6 Prozent aller Altersabgänge der nächsten zehn Jahre.

Somit steht eines fest: Der personelle Engpass hat im Jahr 2019 längst nicht seinen Höhepunkt erreicht, sondern wird in den kommenden Jahren noch entsprechend zunehmen. Der bisherige Personalmangel ist also lediglich ein Vorgeschmack auf das, was zukünftig auf Bund und Länder zukommt.

 


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1.2 Bewerbungsvoraussetzungen: Doppelprädikat ade?

Doch welche konkreten Konsequenzen ergeben sich aus dieser Faktenlage und inwiefern hat sich die Personalnot bereits auf die formellen Bewerbungsvoraussetzungen ausgewirkt? Die für die Länder durchaus brenzliche Personalsituation wird sich für viele am Beginn ihres Berufslebens stehenden Volljuristen auszahlen.

 

Aufgrund des steigenden Bedarfes sind Prädikatsexamina für einen Einstieg in den Richterberuf zwar immer noch gern gesehen, aber jetzt schon keine zwingende Voraussetzung mehr.

 

In den meisten Bundesländern liegt die Notengrenze für angehende Richter und Staatsanwälte aktuell nämlich bei 8,0 Punkten im zweiten Staatsexamen – von Bewerbern ein Doppelprädikat zu verlangen, kann sich derzeit also niemand mehr wirklich leisten. Angesichts der Tatsache, dass sich das Problem noch verstärken wird, ist auch durchaus damit zu rechnen, dass die Notengrenzen in den nächsten 5 bis 10 Jahren noch weiter sinken werden. Dies gilt ganz besonders für die neuen Bundesländer, die am stärksten vom Personalmangel betroffen sind.

 

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Des Weiteren gelten sogar bezüglich der oben genannten Einstellungsnoten bereits Ausnahmeregelungen. So können Bewerberinnen und Bewerber, die im Zweiten Staatsexamen ein befriedigendes Ergebnis unterhalb der 8 Punkte Marke erreicht haben, im Bewerbungsverfahren berücksichtigt werden, wenn ihre besondere fachliche Qualifikation anderweitig belegt ist. Hierzu zählen etwa überdurchschnittliche Leistungen im Referendariat, der ersten Staatsprüfung oder eine nachgewiesene wissenschaftliche Tätigkeit. Vorrangig entscheidend bleibt im Vergleich mit anderen Bewerbern aber auch hier die im Assessorexamen erzielte Punktzahl.

 

1.3 Alternative Einstiegschancen: Nicht nur Richter sind gefragt

Natürlich wirkt sich die beschriebene Situation nicht nur auf die Bewerbungsverfahren für Richter und Staatsanwälte aus. Vielmehr hat sie gleichermaßen bei anderen staatlichen Institutionen außerhalb der Judikative für Veränderungen gesorgt: Die Finanzverwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen erwartet beispielsweise eine Prüfungsnote von wenigstens 7,0 Punkten in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung, um für einen Berufseinstieg als Jurist im höheren Dienst grundsätzlich in Frage zu kommen.

Das Bayerische Innenministerium verlangt im Assessorexamen eine Prüfungsgesamtnote über mindestens 7,50 Punkten. Es stellt Volljuristen für die Allgemeine Innere Verwaltung, die Verwaltungsgerichtsbarkeit und die Bayerische Polizei ein. Für die Verwendung als „Stabsoffizier Recht“ oder „Jurist im höheren nichttechnischen Verwaltungsdienst“ bei der Bundeswehr wird zweimal ein „befriedigend“ (also mind. 6,5 Punkte) oder einmal „ausreichend“ im ersten Examen und einmal „vollbefriedigend“ im zweiten Examen vorausgesetzt, wobei letztere Konstellation sicher nur selten anzutreffen sein mag.

 

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2. Großkanzleien: Immer noch keine Chance ohne Prädikat(e)?

Während in vielen Stellenanzeigen für Associates nicht von einer konkreten Punktzahl, sondern lediglich von einer „sehr guten juristischen Qualifikation“ oder „hervorragenden Examensergebnissen“ die Rede ist, weiß eigentlich jeder Interessierte, was große Sozietäten mit diesen Anforderungen meinen: Ein Prädikat – also mindesten 9,0 Punkte.

 

Allerdings ist auch für Großkanzleien das Akquirieren des geeigneten Personals längst zu einer komplexen Rekrutierungsaufgabe mutiert. Schließlich konkurrieren sie regelmäßig um das beste Fünftel aller Absolventen des Assessorexamens.

 


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Daher hat es sich – auch wenn dies zumeist auf keiner der Karriere-Webseiten eindeutig steht – so eingebürgert, dass auch 8,0 Punkte für eine Einstellung ausreichen können. Teilweise gelten auch Kombinationsregeln, die häufig nur intern bekannt sind und Bewerbern nicht unmittelbar mitgeteilt werden. Konkret sehen die meisten dieser Regelungen vor, dass sich eine Mindestpunktzahl aus den Ergebnissen beider Examina errechnen lässt. Dies bedeutet beispielsweise, dass der Interessent eine Summe von 16, 17 oder 18 Punkte vorweisen muss, um im Bewerbungsverfahren berücksichtigt zu werden. Entscheidend für die Berechnung dieser Gesamtnote ist dann jedoch, dass nur die im Staatsteil erbrachte Punktzahl der ersten juristischen Prüfung isoliert einzubeziehen ist.

 

TIPP: Ist man sich nicht sicher, ob die eigenen Noten genügen, um am Auswahlverfahren teilzunehmen, sollte man sich am besten direkt (telefonisch) an den zuständigen Personalreferenten der Sozietät wenden. An dieser Stelle kann man auch direkt einen guten ersten Eindruck hinterlassen.

 

Außerdem ist es in zahlreichen Großkanzleien üblich, die „2 aus 4-Regel“ anzuwenden. Diese besagt, dass der Bewerber mindestens zwei von vier formellen Voraussetzungen erfüllen muss, um grundsätzlich für die Besetzung der jeweiligen Stelle in Frage zu kommen. Die vier entscheidenden Komponenten sind die beiden Staatsexamina sowie ein im englischsprachigen Ausland erworbener „LL.M.“ und ein „Dr. iur.“. Dabei gehört die Vorlage eines Prädikatexamens in einer der beiden juristischen Prüfungen zu den Bedingungen, die unbedingt zu erfüllen sind.

Insofern bleibt das Anforderungsprofil erwartungsgemäß also durchaus anspruchsvoll, jedoch ist es inzwischen deutlich flexibler geworden und eröffnet somit auch Berufseinsteigern ohne Doppelprädikat realistische Einstellungschancen.

 

Richter, Verwaltungsjurist oder Top-Anwalt zu werden, ist längst auch ohne Prädikat(e) möglich. Mit einem soliden „befriedigend“ bietet der von Personalmangel gebeutelte juristische Arbeitsmarkt durchaus zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten. Im Staatsdienst – insbesondere in den neuen Bundesländern – wird sich aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren der Bedarf an Juristen noch weiter erhöhen, was dann für alle Berufsanfänger sicherlich von Vorteil ist. Aber auch schon jetzt ist der Einstieg als Richter mit einem „oberen befriedigend“ relativ problemlos möglich – ganz abgesehen von den zahlreichen anderen Einsatzmöglichkeiten für Juristen im höheren Verwaltungsdienst. Die umfassenden Ansprüche an Associates in Großkanzleien sind dagegen grundsätzlich nicht bzw. nicht offiziell gesunken. Allerdings sind auch hier die formellen Einstellungsvoraussetzungen in jedem Fall flexibler geworden und ermöglichen nun auch angemessen (zusatz-)qualifizierten Einsteigern ohne Doppelprädikat attraktive Karriereoptionen.

 

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