Zweistellig im Staatsteil

Verfasst von Arwen Kießecker. Veröffentlicht am 22.08.2022.

How to: Wie schreibe ich richtig gute Jura-Examensklausuren?

Arwen Kießecker über das Gelingen von Examensklausuren im Ersten Staatsexamen

Arwen Kießecker ist Rechtsreferendarin am Landgericht Stuttgart, aktuell absolviert sie ihre Anwaltsstation bei Hengeler Mueller in Frankfurt am Main. Zuvor hat sie Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie an der Eberhard Karls Universität in Tübingen studiert. 2021 hat sie das Jurastudium mit dem Ersten Staatsexamen beendet – und dabei im Staatsteil eine zweistellige Punktzahl erzielt! Hier teilt sie ihre 10 Tipps mit uns, wie auch du das Beste aus den Examensklausuren herausholen kannst.

Vorab: Mit den folgenden Punkten möchte Arwen eine Hilfestellung geben, wobei sie betont, dass es sich natürlich um ihre subjektive Einschätzung handelt. Am Ende wird jeder seine eigenen Lehren aus der Vorbereitungszeit ziehen.

Dennoch ist Arwen der festen Überzeugung, dass sich aus der Klausurtechnik und der Art und Weise der Vorbereitung große Vorteile ziehen lassen und dass diese mindestens gleichwertig neben den materiellen Inhalten stehen. 

1. Gliedern, gliedern, gliedern statt abstraktem Lernen 

Beginnen wir mit dem in meinen Augen essenziellen Ratschlag, den ich ganz bewusst als Aufforderung formuliere: Jura muss am Fall geübt werden! Daher rate ich zum unermüdlichen Gliedern von Fällen verschiedenen Umfangs. So erst bekommt man ein Gespür für das juristische Werkzeug, mit dem man hantiert und die feinen Nuancen. 

Ich hätte mir einigen Frust erspart, hätte ich früher erkannt, dass es wenig bringt, einfach nur abstraktes Wissen auswendig zu lernen. Über die Einbettung des Wissens in Fällen lassen sich die nötigen Querverbindungen herstellen, sodass am Ende auch der Umgang mit unbekannten Fällen beherrscht wird. Im Ersten Examen taucht meist ein Standardfall in ungewohntem Gewand auf. Der Blick dafür lässt sich durchs Gliedern schulen. Das macht außerdem – zumindest für den schriftlichen Teil – das Aneignen aktueller Rechtsprechung entbehrlich, sodass dir mehr Zeit für das Wesentliche zur Verfügung steht. Daher nutze deine Lernzeit smart, indem du dich immer wieder mit Fällen konfrontierst.

2. Probeklausuren sinnvoll einsetzen

Ich möchte ganz bewusst der weitläufigen Meinung entgegentreten, man müsse eine bestimmte Anzahl an Probeklausuren geschrieben haben, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Erst vor einigen Tagen las ich in einem Blog erneut, man müsse 60 Probeklausuren geschrieben haben, andernfalls würde man das Staatsexamen nicht einmal bestehen. Diese pauschale Aussage ist – wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann – völliger Unsinn.

Zum einen bringen Probeklausuren nur so viel, wie man sie im Nachgang resümiert und sich mit den sichtbar gewordenen Schwachstellen auseinandersetzt (die nie wieder zur Kenntnis genommene Korrektur auf der langen Ablage bringt herzlich wenig), zum anderen ist der Output beim Gliedern meiner Erfahrung nach so viel größer als der beim Klausurschreiben – und das bei viel geringerem Input. Work smart, not hard.

Mach dich daher einige Male mit der Situation eines völlig unerwarteten Klausurinhalts vertraut, um in der Examenssituation nicht von diesem Gefühl überrascht zu werden. Wähle etwaige sonstige Probeklausuren hingegen klug aus, indem du den Fokus auf Rechtsgebiete legst, die dir weniger liegen oder auf Problemstellungen, die du meinst, nicht bewältigen zu können. Eine geringe Anzahl an Klausuren, die du aber gewissenhaft nacharbeitest, indem du dir die Zeit nimmst, die Korrektur nachzuvollziehen, wird dir viel mehr bringen als 1500 Probeklausuren (für 18 Punkte braucht man dann aber bekanntlich die 1800 Probeklausuren).

3. Klausurtechnik

Zwar halte ich das Schreiben von Probeklausuren für einigermaßen vernachlässigbar, nicht aber das Erlernen der richtigen Klausurtechnik. Damit meine ich besonders die Herangehensweise an eine Klausur. Nimm dir Musterklausuren zur Hand und denke dich in den Klausurersteller hinein. Was sagt der Bearbeitervermerk, was wird hier von mir verlangt, welche Hinweise gibt mir der Sachverhalt?

Nach meiner Erfahrung wird in den Sachverhalten in der Regel ein – mit etwas Übung deutlich erkennbarer – Hinweis auf die Schwerpunkte der Klausur gelegt. Das Problem muss dann nur noch aufgeworfen und mit Leben gefüllt werden. Bei atypischen Fällen enthalten der Sachverhalt oder der Bearbeitervermerk oft auch Hinweise auf den Gesetzesabschnitt, in dem sich die einschlägigen Normen auffinden lassen. In solchen Fällen: Augen auf und dann einfach mal blättern.

Eigne dir außerdem bereits während der Vorbereitungszeit (beim Gliedern!) ein eigenes Schema an, mittels dessen du an jede Klausur herangehst (kann nach Rechtsgebieten variieren). Es ist wichtig, dass du dieses vertraute Arbeitsschema in der Stresssituation des Examens als Anker hast. Wie das konkret aussieht, entscheidest ganz du (verschiedene Schmierzettel, verschiedene Farben, Schaubilder etc.).

Beachte dabei aber Folgendes: Du solltest alle wesentlichen Daten aus dem Sachverhalt exzerpieren und nach dem Erstellen deiner Gliederung abgleichen, ob du alles, was aufgeworfen wurde, in deiner Gliederung „verwertet“ und richtig verortet hast. Vor der Reinschrift solltest du in jedem Fall eine Gliederung erstellen und im Anschluss überlegen und markieren, wo die Schwerpunkte liegen, um an diesen Stellen in der Reinschrift in die Tiefe gehen zu können. Ich persönlich würde außerdem immer zunächst den Bearbeitervermerk zur Kenntnis nehmen, um den Sachverhalt im Anschluss gefiltert lesen zu können.

4. Sport

Wie eine Freundin aus dem Referendariat neulich (leicht empört) zu mir meinte: „Sport ist bei dir aber auch für alles die Lösung“ – damit hat sie nicht ganz Unrecht. Ich meine damit aber nicht, dass du dir während der ohnehin belastenden Zeit auch noch den Stressfaktor Sport aufhalsen sollst. Sehr wohl aber, dass du Pausen machen, vom Schreibtisch aufstehen und deinem Körper (und auch deinem Geist) ein bisschen Bewegung schenken solltest – ein Spaziergang um den Block reicht vollkommen. Es ist nicht nur belegt, dass die kognitive Leistung durch sportliche Betätigung zunimmt, du gibst deinem Geist auch die nötige Gelegenheit, sich zu entspannen.
 
Mein Papa machte mir von klein auf bewusst, dass Gesundheit unbezahlbar ist und das Wichtigste ist, was wir haben. Daher sollte das stets Priorität haben. Und ich verspreche – das Lernen läuft danach auch wieder viel runder. Again, work smart! 

5. Formalia

Das Wesentliche für die Reinschrift der Klausuren ist im ersten Schritt das Bilden präziser Obersätze. Das sollte man sich bei jedem neuen Abschnitt in Erinnerung rufen. Obersätze führen den Korrektor durch die Klausur und machen es ihm leicht, den Überblick zu behalten.

Dazu tragen auch der Aufbau und die Optik der Klausur bei, weshalb verschiedene Prüfungsebenen durch Absätze getrennt werden sollten. Es sollte außerdem auf ein möglichst ordentliches Schriftbild geachtet werden – vermeidbare Durchstreichungen oder Verweise gilt es zu vermeiden. Sie stören den Lesefluss des Korrektors und untergraben die erarbeitete Struktur. Sprachlich würde ich auf kurze, prägnante Sätze setzen. Bei den Klausurschwerpunkten sollte der Fokus auf einer ausreichenden Argumentationstiefe liegen, geh hier in die Breite. Zuletzt sollte deine Klausur ein formales Ende finden. 

Bei all dem hilft dir die Gliederung, die einen klaren roten Faden vorgibt.

Und – auch wenn es sich während eines temporären Lernplateaus nicht so anfühlt – gilt: Einfach dranbleiben, denn ,irgendwas bleibt immer hängen‘.
Arwen Kießecker

6. Fokus und Wochenende

Ich bin – soweit es sich vermeiden lässt – kein Fan von Multitasking. Daher würde ich immer darauf achten, in der Lernzeit strikt den Fokus beizubehalten. Statt zehn von Ablenkungen gefüllten Stunden brutto am Schreibtisch, lieber nur sechs Stunden, aber diese vollkommen fokussiert. Mir hat die Pomodoro-Technik dabei immer sehr geholfen.

Um die Konzentration aufrecht zu erhalten, bedarf es gezielter Pausenzeiten, die auch wirklich der Erholung dienen. Daher lieber raus an die frische Luft oder einen Freund anrufen als 15 Minuten auf dem Smartphone zu scrollen. Auch eine längere Pause in der Mitte des Tages kann neue Energie liefern – mit einem guten Podcast auf den Ohren können auch anstehende Erledigungen, Haushalt oder Sport als Pause dienen. 

Außerdem würde ich darauf achten, mindestens einen Tag am Wochenende komplett jurafrei zu verbringen. Wie man so schön sagt: „Die Examensvorbereitung ist kein Sprint, sondern ein Marathon“ und dafür bedarf es auch der Regeneration. Wenn es dir dein Gewissen abverlangt, dann beschränke dich auf ein paar Stunden und nichts zu Intensives. Und dann geh raus, triff dich mit Freunden und Familie und vertag das „schöne Leben“ nicht völlig auf die Zukunft. 

7. In richtigen Abständen wiederholen

Mit Neuerlerntem müssen wir uns in relativ kurzen Abständen erneut konfrontieren, wohingegen bereits angelegtes Wissen erst nach einiger Zeit in Erinnerung gerufen werden muss. Aus diesem Grund würde ich Neuerlerntes kurz am Folgetag und dann wieder etwa eine Woche später wiederholen. Im Übrigen sollte es ausreichen, das Wissen etwa alle vier Wochen aufzufrischen.

8. Umgang mit Stagnation – Selbstvertrauen stärken

Die Stofffülle ist und bleibt oft überfordernd und Lernfortschritte zeigen sich häufig zeitversetzt. Daher kann man in der Vorbereitungszeit schon einmal das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Dann ist es wichtig, das eigene Selbstvertrauen zu stärken, indem man Dinge abseits des Jura-Alltags tut, die einem liegen und einen daran erinnern, dass man Talente hat und handlungsfähig ist. Und – auch wenn es sich während eines temporären Lernplateaus nicht so anfühlt – gilt: Einfach dranbleiben, denn „irgendwas bleibt immer hängen“ (eine mütterliche Weisheit).

9. Zeitmanagement in der Klausur

Wichtig ist auch, dass du dich in der Klausur nicht verzettelst. Nur so hast du genügend Zeit, um schöne und korrekte Obersätze zu bilden, die Schwerpunkte in der gebotenen Tiefe darzustellen und die Klausur formal zu beenden. Daher mache dir anhand einiger Probeklausuren in der Vorbereitungszeit bewusst, wie lange du für die Reinschrift benötigst, das ist natürlich individuell. Für mich hat es sich bewährt, nach etwa zwei Stunden mit der Reinschrift zu beginnen. Behalte im Examen dann die Uhr im Blick und halte deine eigene Zeitvorgabe ein.

 10. Mach dein Ding

Zu guter Letzt möchte ich dir mit auf den Weg geben: Mach dein Ding! Nur du weißt, wie du gut und effektiv lernst, was für dich funktioniert und was nicht. Schreibe nicht 500 Karteikarten, nur weil irgendjemand meint, man müsse mit Karteikarten lernen. Wenn das Repetitorium nichts für dich ist, lass es oder schau dich um, was es sonst noch gibt. Wenn du in der zweiten Tageshälfte besser lernst, tu es. Wenn du mit einem Lehrbuch nicht zurecht kommst, such dir ein anderes und sei ehrlich mit dir, wenn du merkst, dass du mit deiner aktuellen Routine an einem Punkt nicht weiterkommst – es gibt kein richtig oder falsch. Alles, was für dich funktioniert, ist richtig. Hör auf dein Bauchgefühl und vertrau dir!