Zu hart für Soft Skills?

Diese Kompetenzen lernt man nicht im Jurastudium


verfasst von Nora Zunker und veröffentlicht am 19.07.2019

 

„Soft Skills sind uns wichtig.“ Dieser Satz fällt immer öfter in Bewerbungsgesprächen, scheint jedoch in der juristischen Ausbildung bisher selten Raum zu finden. Für junge Juristinnen und Juristen eine Herausforderung: Denn welche zusätzlichen Qualifikationen werden im späteren Berufsleben tatsächlich benötigt – und von den Kanzleien honoriert?

 

Rhetorische Fähigkeiten, Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit, Lernbereitschaft, Teamfähigkeit oder emotionale Intelligenz: Soft Skills umfassen all das, was einen guten Juristen vom verpönten Paragraphenautomaten trennt. Daher können sie beim Berufseinstieg den entscheidenden Unterschied machen, wenn es darum geht, den Wunscharbeitgeber für sich zu gewinnen. Im Anwaltsberuf stehen der Mandant und seine Interessen im Fokus. Nur wer diese erkennen, mit Blick auf die rechtliche Situation analysieren und bewerten sowie die Ergebnisse dem Mandanten zielorientiert kommunizieren kann, wird dem Bedürfnis des Mandanten nach Rechtsberatung gerecht.

 

Angebote richtig wahrnehmen

Doch wie lassen sich diese Fähigkeiten schulen? Die Vorlesung an der Universität lehrt zumeist, wie man im Gutachten zu einem Ergebnis kommt, nicht aber, wie man dieses einem potentiellen Mandanten nahebringt.

 

Hier greifen die oft als „lästiges Übel“ angesehenen Schlüsselqualifikationen. Wer seine Kurse vorausschauend wählt, kann wertvolle Soft Skills für die Zukunft erwerben.

 

„Präsentation und Rhetorik“, „ Konfliktmanagement“,„Verhandlungen zum Erfolg führen“, „Selbstbewusst kommunizieren für Studentinnen“ oder „Kommunikationstraining für den erfolgreichen Berufseinstieg“ lauten von den Universitäten angebotene Seminare – mal mit mal ohne direkten juristischen Bezug.

 



Zwischen "Du" und "Sie"

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Eine weitere Möglichkeit bietet juristische Arbeit im Team, etwa in einer Law Clinic oder studentischen Rechtsberatung - oder bei einem Moot Court: Als Vertreter einer Prozesspartei können junge Juristen trainieren, wie sie ihre rechtlichen Ausarbeitungen vor einem „fiktiven Schiedsgericht“ wirkungsvoll präsentieren. „Die Teilnahme an einem Moot Court geht mit einem verbesserten Verständnis des eigenen Auftretens einher. Das Feedback von Coaches und Teamkollegen hilft dabei, während der Verhandlungsvorbereitung einen großen Sprung nach vorne in Sachen Rhetorik und Körpersprache zu machen“, sagt Tun de Jong, ehemaliger Teilnehmer und Coach beim Vis Moot. „Die Zeit, in der man seine Argumente präsentieren kann, ist begrenzt. Dies zwingt einen dazu, sich auf das Wesentliche zu fokussieren und die Argumente bewusst zu gewichten.“

 

Zudem trainierten die zum Teil provokanten Zwischenfragen der Schiedsrichter einen für jeden Anwalt wesentlichen Soft Skill: Das Sachliche vom Persönlichen zu trennen und das Gegenüber freundlich vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

 



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Abgucken, ausprobieren, beraten lassen

Ebenso hilfreich kann es sein, schon während des Studiums einem Praktiker über die Schulter zu schauen. Wer früh ein Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei absolviert, kann sich einen eigenen Eindruck von der Arbeitsweise und den entsprechend erforderlichen Soft Skills machen. Diese können je nach Ausrichtung einer Kanzlei variieren:

 

Familienrechtler benötigen insbesondere emotionale Intelligenz, Wirtschaftsrechtler müssen mit riesigen Teams umgehen können und im Patentrecht muss sich schnell hochspezielles Faktenwissen angeeignet werden.

 

Manche Soft Skills lassen sich sogar ganz nebenbei trainieren: In einer Lerngruppe können Studierende üben, über komplexe Sachverhalte zielorientiert zu diskutieren oder Ergebnisse zu präsentieren. Das ist nicht nur eine hervorragende Vorbereitung für mündliche Prüfungen, sondern schult auch darin, mit Kritik umzugehen und selbst konstruktives Feedback zu geben.

 



Mit vielen Herausforderungen und Fragen sind junge Juristen erstmals im Beruf konfrontiert. Dazu gehört:



 

Wenn es ernst wird

Wenn sich in der Ausbildung alles um echte Fälle dreht, nämlich im Referendariat, werden Kompetenzen jenseits des Rechts wichtig. Nach den Einführungslehrgängen, die das prozess-rechtliche Werkzeug an die Hand geben, geht es vor Gericht. Egal ob auf dem Richterstuhl im Zivilprozess verhandelt, das Schlussplädoyer für die Staatsanwaltschaft vorgetragen oder der Mandant verteidigt wird: Gerade junge Juristinnen und Juristen müssen sich im Gerichtssaal vor erfahrenen Kolleginnen und Kollegen behaupten. In dieser Situation sind Selbstvertrauen, Menschenkenntnis, Umgangsstil und Stressresistenz vonnöten.

 

Wer in der bisherigen Ausbildung noch nicht in persönliche und methodische Kompetenzen investiert, kann – und muss – während des Referendariats schnell viel dazulernen.

 

Von Kanzleien werden Soft Skills bei Berufsanfängerinnen und -anfängern vorausgesetzt und zum Teil bereits im Bewerbungsgespräch abgeklopft, um zu sehen, ob der Nachwuchs in die Kanzlei, ins Team und zu den Mandanten passt: „Kollegen mit kommunikativen Fähigkeiten haben es deutlich leichter“, so ein Sozietätspartner aus dem Handels- und Gesellschaftsrecht. „Wichtig ist Führungsvermögen: Die Mandantinnen und Mandanten erwarten Führung, weil sie selbst unsicher und verzweifelt sind. Da hilft es, wenn man als Anwalt konkrete Schritte plant und kommuniziert“, betont ein Familienrechtler. „Bei der Insolvenzverwaltung geht es um Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis“, sagt ein Partner mit Tätigkeitsschwerpunkt im Insolvenzrecht.

 

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Auch gern gesehen ist Akquisefähigkeit. Diese scheint auf den ersten Blick während der Ausbildung gar nicht so leicht zu erlernen. Aber wer früh Zusatzangebote wie Moot Courts oder Präsentationstrainings wahrnimmt und sich im Praktikum und Referendariat voll einbringt, tut vor allem eins: Kontakte knüpfen. Wer sich früh ein Netzwerk aufbaut, kann später davon profitieren – und nicht nur bei Kanzleien punkten. Denn Jura hat vielmehr mit Menschen als mit Paragraphen zu tun.

 

Eine Investition in den Aufbau von Soft Skills lohnt sich also immer und ist später im Berufsleben in jedem Fall von Vorteil. Auch Menschen mit weniger ausgeprägten sozialen Fähigkeiten können sich durch viel Übung und praktische Erfahrung gefragte Kompetenzen aneignen und potentielle Arbeitgeber von sich überzeugen.

 

Der Bericht wurde zuerst im Anwaltsblatt Karriere 1/2019 (Sommersemester) veröffentlicht.

 


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Über den Autor

Nora Zunker

Nora Zunker

Nora Zunker hat Anfang des Jahres 2019 ihr Rechtsreferendariat in Berlin begonnen. Sie war bereits als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer internationalen Wirtschaftsrechtskanzlei tätig und schreibt seit Jahren regelmäßig als Autorin für das Anwaltsblatt Karriere.

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