Spin-Off Kanzlei?

Wenn gut bezahlte Anwälte ihrer Kanzlei den Rücken kehren und alles, was du dazu wissen musst...


verfasst von Finn Holzky und veröffentlicht am 16.05.2018

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer „normalen“ Kanzleigründung und einem Spin-Off? Und warum wagen gut bezahlte Anwälte der besten und größten Kanzleien diesen Schritt, verlieren sie dabei ihre Mandanten und wen stellen diese dann eigentlich bei sich ein? All diese Fragen wabern um das Thema „Spin-Off Kanzleien“ herum und werden heute, hier und jetzt geklärt!

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Spin-Off und jeder anderen Kanzlei?

Spin-Off Kanzleien sind ein heißes Thema für die verschiedensten Personengruppen. Etablierte Anwälte, junge Associates großer Kanzleien aber auch ganz frische Berufseinsteiger interessieren sich immer mehr für das Thema. Dabei darf sich natürlich nicht jede Kanzlei einfach ein Spin-Off nennen. Der Begriff des Spin-Off ist uns ansonsten vor allem von Serien und Filmen bekannt, in Bezug auf Kanzleien, sind sie technisch gesehen ähnlich einem Ableger einer Großkanzlei.

"Spin off" heißt übersetzt: "Ausgründen", "Nebenprodukt" als auch "Ausgliederung".

Das bedeutet, dass ein richtiges Spin-Off von mehreren Anwälten aus einer bestimmten Großkanzlei gegründet wird. Es reicht also nicht, dass sich irgendwelche Juristen zusammenschließen und genau genommen reicht es nicht einmal, wenn sich Anwälte verschiedener Großkanzleien zusammentun, sondern es müssen mehrere Anwälte von ein und derselben Kanzlei sein, die sich gemeinsam entschließen ihre Kanzlei zu verlassen und sich gemeinsam selbstständig zu machen. Etwas umstritten ist, ob es sich sogar um Anwälte des gleichen Standorts handeln muss oder nicht, doch in der Praxis sind die Übergänge der verschiedenen Standorte in der täglichen Arbeitspraxis oft so fließend, dass man hier auch fünf einmal gerade sein lassen sollte.
Fakt ist also, dass ein Spin-Off nur dann gegeben ist, wenn sich mehrere Anwälte von ein und derselben Großkanzlei entschließen, selbstständig eine Kanzlei zu gründen und der alten Großkanzlei den Rücken zu kehren.

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Was spricht für die Selbstständigkeit und die Gründung einer eigenen Spin-Off Kanzlei?

Gerade für etablierte Anwälte aber auch Berufseinsteiger in Großkanzleien sind Spin-Off Kanzleien und der Weg in die Selbstständigkeit hochinteressant. Nun kann man pauschale Aussagen über die Motive für eine Selbstständigkeit natürlich schwer treffen. Doch immerhin gibt es einige Motive für ein Spin-Off, die sich immer wieder finden lassen und die ihrer und der Natur von Großkanzleien entsprechend auch pauschal gelten dürften.

Nicht zu kurz kommen, darf auf jeden Fall die Differenzierung der Motivationen nach Berufsalter. Denn ein sehr häufig zu lesendes oder hörendes Argument ist die Eröffnung des heiß begehrten Partnertracks. Dieser steht zumindest theoretisch gerade jungen Associates noch offen, befinden Sie sich schließlich noch weit entfernt von einer Bewertung der Managing Partner bezüglich ihrer Geeignetheit für eine Partnerschaft. Noch weniger zutreffend ist diese angebliche Motivation natürlich dann, wenn sich in der Tat Partner einer Großkanzlei zum Spin-Off entschließen. Es gibt natürlich viele Anwälte, die sich nach einiger Zeit in einer Großkanzlei im Klaren darüber befinden, dass der Weg zum Partner für sie sehr schwer oder gar unmöglich sein wird und für diese Gruppe mag dies durchaus eine Motivation für ein Spin-Off sein. Pauschal für alle Spin-Off Initiatoren gilt diese Motivation jedoch nicht.

Eine weitere und durchaus nachvollziehbare Argumentation für ein Spin-Off sind die oft beworbenen kürzeren Wege und flacheren Hierarchien. Durch die Struktur und die Aufgabenverteilung in Großkanzleien ist der junge Associate in der Tat zumindest praktisch oft meilenweit entfernt davon, einem Partner Vorschläge machen zu können und seine eigenen Ideen in die oft sogar international aufgestellte Sozietät einfließen zu lassen. In einem Spin-Off ist das natürlich anders, weil sich nur wenige Kollegen gemeinsam abstimmen müssen oder es gerade auf die Expertise der wenigen Gründer ankommt. Hier kann jeder seine Stärken einbringen und das zwar noch kleine Kollektiv erstarkt durch die sich ergänzenden Individuen.

Bereits im vorangegangen Punkt angeklungen sind die durch die Ausgliederung entstehenden Möglichkeiten zum Ausleben unternehmerischen Geistes, zum Test neuer Methoden und auch zum Bruch mit alten Traditionen und Gewohnheiten. Gerade der Einsatz neuer Methoden und das Aufkommen von Legal Tech Firmen stellt die Großkanzleien vor nicht minder große Aufgaben. Dass junge und dynamische Berufsträger hierauf flexibler reagieren können und wollen liegt auf der Hand, doch nicht selten werden sie von verkrusteten Strukturen oder veralteten Gedanken ausgebremst. Somit wird auch die zunehmende Digitalisierung zum Katalysator der Spin-Off Bewegung.

Ein gerade für gestandene Anwälte und Partner relevanter Grund für die Ausgliederung aus der Sozietät ist die Fremdbestimmtheit, die immer wieder bis in hohe Führungsetagen kritisiert wird. Viele der größten Kanzleien sind aus dem britischen oder amerikanischen Raum und haben ihre höchste Führungselite auch nach wie vor in diesen Ländern. Von hier aus wird auch für andere Länder die Strategie geplant, eine Firmenkultur vorgelebt und die Weichen für die Zukunft gestellt. Damit einher geht nicht selten ein immer weiter steigender Druck auf die Akquise von Mandanten und höhere interne Konkurrenz.

Zu guter Letzt liest sich immer häufiger auch das Argument der gelebten Work-Life-Balance. Trotz Anpassungen und Eingeständnissen zugunsten der als auf die Work-Life-Balance versierten Generation Y ist der Arbeitsaufwand in Großkanzleien nach wie vor sehr hoch. In Hinblick auf die Gehälter mag dies auch gar nicht schlimm sein, dennoch suchen viele Absolventen nach wie vor nach Möglichkeiten, eine bessere Work-Life-Balance zu erhalten. Gerade junge Spin-Off Kanzleien werben hiermit, da sie selbst in der Führungsetage jüngere Anwälte haben und die moderneren Strukturen durchaus auch zeitsparend sein können. Nichtsdestotrotz sind gerade die Gründer von Spin-Offs extrem in die Arbeit und vor allem auch die Organisation der Kanzlei eingebunden. Ob tatsächlich ein Mehr an Freizeit dabei herausspringt, ist daher nicht mit Sicherheit festzustellen.

 

Beispiele: Wer hat sich getraut: Die größten Spin-Offs der letzten Jahre

Aufgrund dieser und wahrscheinlich noch etlicher anderer Gründe, hat sich seit einigen Jahren der Trend zum Spin-Off eingestellt. Immer mehr Kanzleien verlieren gutes Personal an Ausgliederungen und immer mehr kleine Spin-Offs dringen auf den hart umkämpften Markt. Wer sich erfolgreich ausgegliedert und etabliert hat:

Zu nennen ist hier unbedingt Lupp & Partner, eine Ausgliederung der Großkanzlei DLA Piper im Jahr 2015. Das noch relativ kleine Spin-Off genießt vor allem bei den eigenen Associates einen sehr guten Ruf. Spezialisiert hat man sich bei Lupp & Partner vor allem auf Beratungen im Bereich der Vermögensverwaltung in Family Office und Finanz- und Venture Capital Investoren. Ursprünglich hatte man sich in München niedergelassen, mittlerweile gibt es aber auch einen Standort in Hamburg.

Ebenfalls ein erfolgreiches Spin-Off kommt aus dem Hause Boetticher und nennt sich Lindenpartners. Das dynamische Team von Lindenpartners agiert aus Berlin heraus und ist spezialisiert auf die Beratung von Unternehmen in allen Kernbereichen des Wirtschaftsrechts. So sind Gesellschaftsrecht, die steuerrechtliche Beratung, aber auch die Beratung bezüglich jeglicher Transaktionen das Tagesgeschäft der mittelständischen Kanzlei Lindenpartners in Berlin.

Seit Anfang des Jahres 2017 gibt es nun auch die Kanzlei Sidley Austin in Deutschland. Das Kernteam besteht vor allem aus ehemaligen Kirkland & Ellis Anwälten und genießt einen sehr guten Ruf in Deutschland. Zuvor gab es bereits Niederlassungen von Sidley Austin in Chicago, London, Brüssel und und Hong Kong. Es handelt sich damit nur noch im entfernteren Sinne um ein klassisches Spin-Off, wobei immer wieder die einem Start-Up ähnliche Atmosphäre bei absoluten Top-Gehältern hervorzuheben ist.

Wie auch Sidley Austin hat sich das Spin-Off Gütt Olk Feldhaus in München niedergelassen. Die wirtschaftsrechtlich geprägte Kanzlei, die von Anwälten der Großkanzleien Milbank und Freshfields gegründet wurde, ist hauptsächlich auf Finanz- und Kapitalmarktrecht, M&A und Gesellschaftsrecht spezialisiert. Seit der Gründung in 2011 hat man sich am Markt gut etablieren weitere Anwälte für sich gewinnen können.
Schließlich ist auch das Spin-Off Greenfort ein Abkömmling der Großkanzlei Freshfields. Die nunmehr mehr als zehn Jahre alte Kanzlei ist mit ihrer Gründung im Jahr 2005 ein echter Vorreiter des Trends zur Neugründung gewesen. Greenfort beschreibt sich selbst weder als Großkanzlei, noch als Boutique oder Mittelständische Kanzlei. Man bietet Beratung auf fast allen Rechtsgebieten an, berät verschiedenste Mandanten, vom Mittelständler bis zu Dax-Konzern und ist auch ansonsten eher ein Hybrid, als dass man in irgendeine Schublade passen würde. Doch egal als was man Greenfort bezeichnet, es handelt sich dabei um das Paradebeispiel einer geglückten Neugründung!

Zu den aktuellen Jobangeboten der Spin-Offs

 

Spin-Off: Flache Hierarchien, Start-Up Atmosphäre aber auch jede Menge Arbeit

Ein Fazit zu ziehen, fällt naturgemäß schwer. Wer sich für die Ausgliederung entscheidet oder an einem Spin-Off teilnehmen will, der hat auf jeden Fall die Chance auf ein ganz besonderes Arbeitsumfeld, flache Hierarchien mit früher aktiver Mitarbeit an Mandaten und der Möglichkeit zur Mitgestaltung und dem Aufbau einer Kanzlei. Wer allerdings auf deutlich weniger Arbeit hofft und die Work-Life-Balance allem anderen überordnen möchte, der wird möglicherweise eine Enttäuschung erleben, denn gerade zu Anfang einer Neugründung gibt es extrem viel zu tun, fehlende Routinen kosten Zeit und Nerven und die Etablierung am Markt verlangt eher ein Mehr an Arbeit, als ein erhöhtes Aufkommen von Freizeit.

 

Dennoch zeigt die Vergangenheit immer wieder, dass Spin-Off Kanzleien sehr erfolgreich agieren können und gerade die Gründer und ihre Mitarbeiter die Arbeit als sehr angenehm empfinden. Das Thema Spin-Off ist und bleibt also ein heißes Eisen für alle Juristen, die sich mit ihrer Karriere beschäftigen!

 


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Über den Autor

Finn Holzky

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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