Halbtagsprogramme für Juristen: Utopie oder Realität?

Was dran ist an diesem Trend...


verfasst von Hüveyda Asenger und veröffentlicht am 01.05.2018

 

Verschiedene Großkanzleien und Anwaltsboutiquen setzen inzwischen auf Teilzeitprogramme für Juristen. Von Linklaters zu McDermott bis hin zu Pusch Wahlig – das Angebot ist vielfältig und viele Kanzleien folgen dem Trend. Die Nachfrage unter jungen Absolventinnen und Absolventen nach diesen Programmen ist hoch. Verständlich, denn Halbtagsprogramme klingen in erster Linie sehr verlockend. Viele erhoffen sich dadurch den Spagat zwischen Familie und Karriere sowie genügend Lebensqualität durch mehr Freizeit zu erlangen.
 

Die Kanzleien reagieren somit auf den jetzigen Trend und wollen das Arbeitsleben als Anwältin oder Anwalt attraktiver machen. Denn das Arbeitsleben in Großkanzleien und der Anwaltsbranche allgemein wirkt inzwischen eher abschreckend, weshalb viele den öffentlichen Sektor favorisieren. Ein großzügiges Gehalt reicht heutzutage per se nicht mehr aus – Lebensqualität steht immer mehr im Vordergrund.

Ob Halbtagsprogramme in ihrer Umsetzung den Erwartungen der Berufsanfänger gerecht werden und welche Nachteile sie mit sich bringen, ist Gegenstand des Artikels.

 

Teilzeitprogramme: Für wen eignen sie sich überhaupt?

Es ist längst nicht mehr so, dass Teilzeit- oder Halbtagsmodelle nur für diejenigen in Frage kommen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen. Der modernen Generation Y ist zunehmend der Mehrwert der Freizeit bewusster geworden, sodass das Thema mehr in den Vordergrund getreten ist und Freizeit auch aktiv eingefordert wird. Viele qualifizierte Absolventen ziehen deshalb unter anderem den öffentlichen Sektor vor, sodass mittlerweile Kanzleien mit dem Trend mitziehen und ihr Angebotsspektrum erweitern.

In der Jurabranche tritt dieses Problem naturgemäß öfter auf, da die Anwaltstätigkeit in Vollzeit sehr arbeitsintensiv ist – was auf viele abschreckend wirken kann. Denn in einer Großkanzlei sind über 60 Wochenarbeitsstunden nicht selten.

Die Halbtagsangebote eignen sich also grundsätzlich für diejenigen, die nicht auf eine Karriere in einer Kanzlei verzichten möchten, diese aber mit Lebensqualität verbinden wollen – durch beispielsweise genügend Freizeit oder auch Familie.

Öffentlicher Sektor
VBL. Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder

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Welche Modelle es gibt

Die jeweiligen Konditionen der Großkanzleien bzw. der Kanzleien, die hierfür werben, sind unterschiedlich. Einige Modelle verkürzen die Arbeitszeit um einen Wochentag, sodass ein Wochentag wegfällt und etwa ein langes Wochenende möglich gemacht wird.

Ein anderer Ansatz ist, die tägliche Arbeitszeit in ihrer Stundenanzahl zu reduzieren. Dadurch soll ein wesentlich kürzerer Arbeitstag ermöglicht werden. Weitere Modelle verbinden diese beiden Aspekte oder ermöglichen auch ein flexibles Arbeiten von Zuhause aus (Kombination mit „Home-Office“). Je nach Ausbildungsphase eignet sich das eine Modell besser als das andere. So kommen einige Halbtagsprogramme eher für Associates in Frage und andere eher für Partner und Berufserfahrene.

 

Freshfields Bruckhaus Deringer  

 

"Freshfields & Family", individuelle Teilzeitmodelle und Freistellungen für Fortbildung, Dissertation oder LL.M.

Linklaters 

 

"YourLink" – geringere und besser planbare Arbeitszeit, "Teilzeit-Policy" – Teilzeitarbeit, HomeOffice, "Flexible Working", Kinderbüro

McDermott Will & Emery 

 

Alternatives Beschäftigungsmodell (35 bis 38,5h/Woche)

Clifford Chance

 

Elternzeit (für Mütter und Väter), "Kids' Chance" – Kleinkinderbetreuung

Noerr 

 

Flexible Arbeitszeitregelungen (HomeOffice, individuell gestaltete Teilzeitmodelle, Sabbaticals und Elternzeit), Kindergarten, Elternbetreuung, Beratung in schwierigen Lebensphasen, etc.

Gleiss Lutz 

 

"Flex-Time-Modell" – Teilzeit (für Männer & Frauen) für Associates, Assoziierte Partner und Counsel, wobei Partnerperspektive gewahrt bleibt

Pusch Wahlig Legal

 

"PWL-Family" – Teilzeitmodelle (aufgrund familiärer Verpflichtungen, "PWL-Flex" – Teilzeitliche Gestaltung des Arbeitslebens

Kirkland & Ellis 

 

Keine sog. "Facetime" – Früheres Verlassen des Büros und/oder HomeOffice in ruhigen Phasen, "transaktionsbezogenes Teilzeit-Modell" – Frauen können zwischen Transaktionen mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen

Taylor Wessing

 

Individuelle Teilzeitmodelle, Home-Office

White & Case 

 

Flexible Arbeitszeitmodelle, Home-Office, Elternzeit für Männer und Frauen

Cleary Gottlieb

 

Flexible Arbeitszeitmodelle - auch langfristig - in allen Positionen möglich; Individuelle Modelle mit Stundenreduzierung oder Home Office Tätigkeit

 

 

Die andere Seite der Medaille

Auf den ersten Blick klingen die Halbtagsprogramme gerade für junge Absolventinnen und Absolventen sehr verlockend. Es gibt jedoch auch Nachteile, die mit den Programmen einhergehen. So behaupten viele, dass die Umsetzung utopisch sei und nur scheinbar eine optimale Work-Life-Balance vorgesetzt wird.

Ein großer Nachteil – je nach Kanzlei – ist, dass bei der Wahl des Modells die Aufstiegschancen stark begrenzt werden oder ein Aufstieg in die Partnerebene dann nicht mehr möglich gemacht wird. Darauf von vornherein zu verzichten, kommt für viele nicht in Frage, sodass es öfter zur Ablehnung dieses Modells kommt und doch zwangsläufig die Vollzeitarbeit gewählt wird. In Bezug auf den Aufstieg innerhalb einer Kanzlei bedeuten Halbtagsprogramme zwar nicht automatisch, dass eine Karriere nicht möglich ist. Bei Kanzleien, die ein Modell mit Aufstieg anbieten, ist jedoch zu beachten, dass es erheblich länger dauern kann als in einem Vollzeitmodell.

Im Gegensatz zu beispielsweise der flexiblen Arbeit eines Richters sind Halbtagsprogramme in der Anwaltsbranche im Allgemeinen schwieriger umzusetzen: Mandanten erwarten (besonders bei Großkanzleien), dass der Ansprechpartner jederzeit erreichbar ist. Dafür wird schließlich aus Mandantensicht auch entsprechend hoch vergütet. So kommt es häufig dazu, dass doch Termine spontan wahrgenommen werden müssen und beispielsweise ein Arbeiten von Zuhause von einem Abruf unterbrochen wird. Es kann in der Branche kaum vermieden werden, flexibel zu sein und plötzlich verfügbar sein zu müssen.

Schwierig in der Umsetzung im kollegialen Umfeld ist etwa, dass ältere Partner bzw. Kollegen aus einer anderen Generation wenig Verständnis für dieses Arbeitsmodell haben. Diese stammen aus einer Generation, welche ein anderes Selbstverständnis von Arbeit hat. Es berichten viele, dass sie bei der Wahl dieses Modells nicht ernst genommen werden oder als arbeitsfaul bzw. -scheu gelten. Dies kann sich unter Umständen, auch in Bezug auf potenzielle Aufstiegschancen, schlecht auswirken, da es den Anschein erwecken könnte, dass man nicht bereit ist, viel Zeit in den Aufstieg und die Karriere zu investieren. Dabei hat die Wahl des Teilzeitprogrammes nichts mit fehlender Motivation zu tun.

Problematisch ist auch der zeitliche Aspekt im Hinblick auf den Einstieg. Die Halbtagsmodelle eignen sich tendenziell weniger für direkte Berufseinsteiger, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Gerade zu Beginn ist eine effiziente Einarbeitung in Teilzeit kaum möglich, sodass es grundsätzlich besser sein kann, erst einmal ein paar Jahre in Vollzeit zu arbeiten. Andererseits ist dann die Reduzierung auf Teilzeit beim Aufsteigen der Karriereleiter auch nicht mehr leicht und der optimale Zeitpunkt schwer einzuschätzen.

Ein weiteres Problem an den Halbtagsmodellen ist, ob sie überhaupt tatsächlich als Teil- oder Halbtagsmodelle gelten können, wenn in der Praxis trotzdem ca. 40 Stunden pro Woche gearbeitet werden müssen. Zwar sind lange Arbeitszeiten in der Branche üblich und 40 Stunden pro Woche im Gegensatz zu den vollen Arbeitszeiten noch passabel. Jedoch ist es durchaus grenzwertig, in diesem Fall überhaupt noch von Teilzeit zu sprechen – selbst bei branchenüblichen Arbeitszeiten.

Auch ein Nachteil von Teilzeitmodellen ist naturgemäß die erheblichen finanziellen Einbußen, die man als Berufseinsteiger zu verzeichnen hat. Oft verdient man erheblich weniger als in Vollzeitmodellen. Das ist zwar verständlich und logisch, wenn weniger gearbeitet wird – wirkt jedoch im Gegensatz zu dem Gehalt, das in Vollzeit verdient werden könnte, eher abschreckend. Gerade wenn beispielsweise finanzielle Ressourcen benötigt werden, die sich bei der Familienplanung auftun.

 

Halbtagsprogramme für Juristen klingen in erster Linie sehr verlockend. Es ist auch wünschenswert, dass mehr Kanzleien sich diesen Modellen annähern. Die Ausgestaltung ist jedoch derzeit noch nicht optimal, sodass viele sich durch die genannten Umstände sowie Nachteile gegen dieses Modell entscheiden.Es wird voraussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sich diese Modelle verbessern und insgesamt auch mehr in ihrer Umsetzung ernst genommen werden. Bei Zweifeln im Vorfeld lohnt es sich, dies offen im Bewerbungsgespräch anzusprechen und transparent zu machen. Viele Kanzleien bieten auch an, die jeweiligen Modelle individuell auszugestalten, sodass sich schon im Vorstellungsgespräch die Thematisierung lohnt.

 


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Über den Autor

Hüveyda Asenger

Hüveyda Asenger

hat Jura an der Freien Universität Berlin studiert und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei.

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