Ist eine Karriere als Richter auch ohne Vollbefriedigend möglich?

Verfasst von Maryam Kamil Abdulsalam. 

Traumberuf Richter: Auch ohne VB?

Nichts ist unmöglich!

Ohne VB ist die juristische Karriere vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat? Keine Chance auf ein Richteramt, Staatsanwaltschaft ist unmöglich und keine vernünftige Großkanzlei würde dich einstellen. Stimmt das? – Natürlich nicht! Doch der Mythos um das Vollbefriedigend, also die 9 Notenpunkte im Examen, hält sich seit je her und bestimmt die Zufriedenheit tausender Absolventen mit ihren Noten.

Wie wäre es mit einer Karriere...

Flexibilität statt starrer Notengrenzen

Nur 15% der Examinanden schaffen es die Notengrenze von 9 Punkten zu durchbrechen und gehören damit zu den meistumworbenen Absolventen.

Aber auch alle anderen haben gute Karrierechancen, denn schließlich können nicht diese 15% alle notwendigen Richter- und Staatsanwaltsposten ausfüllen und gleichzeitig die Büros der Großkanzleien füllen. Allein zahlenmäßig lässt sich dieser Mythos um die harte Notengrenze nicht aufrechterhalten. Trotzdem wird natürlich auf die Noten der Bewerber geschaut. Dabei gelten aber etliche Ausnahmeregeln und Erleichterungen, die es Bewerbern ohne doppeltes Vollbefriedigend möglich machen, in den persönlichen Traumberuf des Richters herein zu rutschen.

 

  • Zwei aus Vier: Sie sogenannte Zwei-aus-vier-Regel wird von einigen Bundesländern bei der Auswahl ihrer Richter angewendet und besagt, dass nicht beide Examina mit einem Vollbefriedigend abgeschlossen sein müssen. Es reicht durchaus, wenn die Summe von beiden 18 bzw 17 Notenpunkte beträgt. So kann beispielsweise das erste Examen mit „nur“ 8 Punkten bestanden sein, wenn das zweite dagegen mit 10 Punkten bestanden ist. In dieser Konstellation hat der Bewerber noch gute Chancen.
  • Entweder Oder: Man kann nicht immer glänzen. Das sehen auch die Anforderungen der unterschiedlichen Bundesländer ein. Deshalb gilt vereinzelt, dass zumindest ein Prädikatsexamen gefordert wird. Entweder im ersten Examen, oder dann eben im zweiten Examen. Das Ergebnis der ersten Staatsprüfung ist dabei nicht völlig egal. Es sollte zumindest nicht unterhalb von 6,5 Notenpunkten liegen.
  • Zweiter Anlauf: Häufig wird insbesondere bei der Vergabe von Richterämtern vornehmlich auf das Ergebnis des zweiten Examens geschaut, da dieses praxisbezogener und näher an den alltäglichen Tätigkeiten eines Richters ist. Wer also im ersten Examen zwischen 6,5 und 8 Punkten liegt, aber im zweiten Examen mit einem tadellosen 9-Punkte Prädikat glänzen kann, ist bei der Auswahl ganz weit vorne dabei.

Voraussetzungen der einzelnen Bundesländer:

Wie so vieles in der Juristenausbildung hängen auch die Anforderungen an die Bewerber für den höheren Justizdienst von den einzelnen Bundesländern ab. Wie hoch die Notengrenzen im Einzelnen anzusetzen sind, sagt natürlich auch etwas über die Beliebtheit und die Lebensqualität beziehungsweise die Dichte von guten Juristen in den unterschiedlichen Ländern aus. Die Notenangaben gelten richtungsweisend meist auch für den Einstieg in eine Laufbahn als Staatsanwalt.

  • In Baden-Württemberg fordert das Justizministerium, das die Einstellung der Richter vollzieht, mindestens 8 Punkte in beiden Examina. In der üblichen Probezeit von 4 Jahren, hat der Kandidat dann die Möglichkeit, sich über die Noten hinaus zu beweisen.
  • Eigentlich würde man in Bayern mit noch höheren Anforderungen rechnen, doch auch hier gilt die Devise: Hauptsache 8 Punkte im zweiten Examen. Die Einstellung erfolgt hier durch das​ Bayerische Staatsministerium, das zunächst in der Staatsanwaltschaft einstellt, wo üblicherweise die Probezeit verbracht wird, gefolgt von einem Wechsel an die Gerichte.
  • Auch etwas überraschend: Berlin gibt sich bereits mit 7,5 Punkten im ersten und 8, 5 Punkten im zweiten Examen zufrieden. Bewerbungen müssen an die Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz gestellt werden, die für die Auswahl und Einstellung von Richtern und Staatsanwälten zuständig sind.
  • Brandenburg dagegen fängt bescheiden an und zieht die Anforderungen dann deutlich höher: Mit 6,5 Punkten im ersten Examen, aber mindestens 9 Punkten im zweiten Examen kann man schon Richter werden.
  • Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sind dagegen strenger: Mindestens ein Vollbefriedigend, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern fordern sogar gleich zwei vollbefriedigende Examina. Bereits im Referendariat ist Hamburg eines der beliebtesten Ausbildungsbezirke und hat mitunter die längsten Wartezeiten.
  • In Hessen gilt die zwei-aus-vier Regel: Die Summe beider Examina sollte mindestens 17 Punkte betragen.
  • Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und NRW liegen recht nahe beieinander: 8 oder 7,76 in der zweiten Staatsprüfung reichen hier aus, um sich den Traum vom Richteramt erfüllen zu können.
  • Saarland und Sachsen geben ihren Kandidaten schon mit jeweils 7,5 und 8 Punkten in beiden Examina eine Chance.
  • Schleswig-Holstein dagegen ist wieder deutlich anspruchsvoller und verlangt in beiden Examina mindestens 9 Notenpunkte.
Auf die Frage hin „Was willst du eigentlich später mal werden?“, antwortet wohl niemand „Richter an einem internationalen Gerichtshof“. Und doch ist es nicht unmöglich!

Andere Wege ins Richteramt: 

Auf die Frage hin „Was willst du eigentlich später mal werden?“, antwortet wohl niemand „Richter an einem internationalen Gerichtshof“. Und doch ist es nicht unmöglich!

Denn die Ausübung eines Richteramtes für deutsche Juristen ist nicht zwangsläufig auf Deutschland begrenzt. Auch an internationalen Gerichten wie dem IGH und  IStGH sind deutsche Richter vertreten. Dazu ist kein Studium im International Law erforderlich, allerdings eine sehr ausgeprägte Spezialisierung im Völkerrecht und viel internationale Erfahrung. Der Weg zu einem Richteramt am IGH ist natürlich deutlich länger und steiniger, als der zu einem Amtsrichterposten, aber unmöglich ist es nicht.

Bruno Simma beispielsweise war seit 2002 Richter am IGH in Den Haag. Zuvor hatte er bereits eine erfolgreiche Karriere als deutscher Völkerrechtler hinter sich: Seit 1973 ist er Professor für Völkerrecht und Vorstand des Instituts für Völkerrecht an der LMU München. In den 80er Jahren war er außerdem für die völkerrechtliche Ausbildung der Attachés im Auswärtigen Amt zuständig und der Standardkommentar zur UN-Charta trägt ebenfalls seinen Namen.

Auf ein solches Richteramt kann man sich selbstverständlich nicht bewerben, sondern wird gewählt. Gewählt wird dabei durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen und den UN-Sicherheitsrat. Formale Voraussetzung ist, dass die Persönlichkeiten die Qualifikation für das höchste richterliche Amt im Heimatstaat innehaben oder eine ausgewiesene Kompetenz im Bereich des internationalen Rechts aufweisen können.

Rein formal ist unter dieser Voraussetzung auch ein zweites Staatsexamen nicht. Deutschland ist derzeit am IStGH ebenfalls mit einem Richter vertreten: Bertram Schmitt wurde im Dezember 2014 von der Bundesregierung für das Amt vorgeschlagen und von der Versammlung der Vertragsstaaten des IStGH zum Richter gewählt.

Für alle, die schon immer vom Richteramt träumen, gilt: Viele Wege führen nach Rom!
 

Sowohl im innerdeutschen Kontext ist es mit dem Traum nicht aus, wenn der ein oder andere Punkt im Examen fehlt. Gerade in den letzten Jahren ist der Bedarf an Nachwuchsrichtern in ländlicheren Gebieten enorm gestiegen, sodass eine solche Stelle gut als Karrieresprungbrett genutzt werden kann. Auch international gibt es Richterstellen, die spannend und herausfordernd sind. Auch wenn sie extrem selten vergeben werden und mit hohen Anforderungen in der Expertise verbunden sind.  

GÖRG Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB
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